Marion Poschmann: „Die Sonnenposition“ – ein intelligenter Roman über das Sichtbarwerden

42401Die Hauptpersonen in diesem außergewöhnlichen Buch tragen entsprechend extraordinäre Namen: Odilo, Altfried, Mila. Ich-Erzähler ist der 32jährige Rheinländer Altfried Janich, der im Osten Deutschlands in einem heruntergekommenen Barockschloss als Psychiater in der dort ansässigen Krankenanstalt arbeitet. Sein Freund Odilo ist bei einem rätselhaften Autounfall ums Leben gekommen. Dieses Ereignis ist für Altfried der Auslöser, sein ganzes Leben Revue passieren zu lassen und über viele vergangene oder gegenwärtige Dinge und Sachverhalte nachhaltig zu reflektieren. Diese Ich-Perspektive verrutscht dabei an einigen Stellen in eine auktoriale Erzählperspektive, denn Altfried berichtet von Begebenheiten, bei denen er nicht anwesend war, so detailliert, als wäre er dabei gewesen. So beispielsweise von der Affäre seiner Schwester Mila mit seinem Freund Odilo, der er erst nach dessen Tod gewahr wird.

Die bildhafte und sinnliche Sprache von Marion Poschmann, die hier ihre lyrische Begabung sehr gelungen in der Prosaform nutzt, nimmt den Leser mit bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs, wo Flucht und Vertreibung von Altfrieds Eltern geschildert werden, und führt ihn dann über das Rheinland bis in die Gegenwart in den Osten Deutschlands.

Zentrales Thema dieses Romans ist das Sichtbar- und Unsichtbarmachen. Das bezieht sich auf Personen, Ereignisse und Gegenstände. Beispielsweise betätigten sich Altfried und Odilo in der Eifel mehrfach als Erlkönigjäger, freilich ohne großen Erfolg. Es geht immer wieder um Licht und Schatten, Helligkeit und Dunkelheit, bis hin zur Biolumineszenz von Tieren. Und natürlich handelt der Roman auch von der Vergänglichkeit. In Altfrieds kurzer Theorie der Zeit heißt es: „Die Zeit existiert nicht. Wir stellen sie her, indem wir versuchen uns zu erinnern. … Wir erfinden die Zeit, und dann läßt sie uns sterben.“ (Warum der Suhrkamp Verlag immer noch der alten Rechtschreibung frönt, ist ein Geheimnis unserer Zeit.)

Die sehr detaillierte Beschreibung von Beziehungen und Gegenständen ist ein strukturelles Charakteristikum der Prosa von Marion Poschmann. Es kennzeichnet insbesondere ihren ersten Roman „Baden bei Gewitter“ (2002), die Darstellung einer sehr speziellen Zweierbeziehung, aber auch ihren großartigen, weil motivisch so besonderen „Schwarzweißroman“ (2005). Während man die 1969 in Essen geborene und seit Jahren in Berlin lebende Autorin für ihre Gedichte, beispielsweise für den Band „Grund zu Schafen“ (2004), nicht genug preisen konnte, blieb die Erzählung „Hundenovelle“ (2008) doch eine Enttäuschung. Mit dem Buch „Die Sonnenposition“ hat Marion Poschmann nun zu alter Stärke zurückgefunden. Oder muss man sogar sagen zu neuer Stärke? Denn dieser Roman ist nicht nur ihr umfangreichstes Werk, er ist auch schlüssig und geistreich durchkomponiert.

Marion Poschmann: Die Sonnenposition. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013.  340 S., gebunden. 19,95 €.

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2 Gedanken zu “Marion Poschmann: „Die Sonnenposition“ – ein intelligenter Roman über das Sichtbarwerden

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