Lili Schönemann – Goethes erste große Liebe

17603„Ich bin … meinem eigentlichen Glücke nie so nahe gewesen, als in der Zeit jener Liebe zu Lili.“ So äußert sich Goethe in hohem Alter zu seinem Gesprächspartner Eckermann. Diese glückliche Zeit umfasste die Monate Januar bis Oktober 1775, als beide in Frankfurt am Main lebten, wo sie sich kennen und lieben lernten. Die sechszehnjährige Bankierstochter Elisabeth Schönemann (1758-1817) und der fünfundzwanzigjährige promovierte Jurist und erfolgreiche Schriftsteller Johann Wolfgang Goethe (1949-1832), der durch Die Leiden des jungen Werthers bereits sehr bekannt geworden war, kamen sich schnell näher und empfanden beidseitig eine tiefe Zuneigung. Im Mai verlobten sie sich. Diese Verlobung blieb die einzige in Goethes Leben. Doch im Oktober war bereits alles wieder vorbei. Wie kam es dazu? Dieser Frage geht Dagmar von Gersdorff im vorliegenden, wohlfeilen Büchlein akribisch und kenntnisreich nach. Sie zitiert aus Briefen, Tagebüchern, Gesprächen mit Zeitgenossen, Goethes autobiografischer Schrift „Dichtung und Wahrheit“ und natürlich seine Gedichte, die Umfeld dieser großen Liebe entstanden. Diese Zeit war eine sehr produktive Phase. Erich Trunz räumt ihr in seiner Hamburger Ausgabe sogar ein eigenes Kapitel ein: „Lili-Lyrik“. Dazu zählen so großartige Gedichte wie „Neue Liebe, neues Leben“ und „Auf dem See“.

Chronologisch führt uns von Gersdorff die Geschichte dieser Liebe vor Augen. Sie schildert eindrucksvoll die widrigen Umstände, die durch die familiären Situationen gegeben waren. Beide Familien lehnten zunächst eine Verbindung ab. Erst eine Tante von Lili konnte vermitteln. Doch der Widerstand, insbesondere der vier Brüder von Lili, von denen Goethe ohnehin drei nicht ausstehen konnte, aber auch von Goethes Schwester Cornelia, blieb. Letztlich entscheidend war aber Goethes Erkenntnis, die dieser auf seiner Reise mit den Brüdern Stolberg in die Schweiz im Juni und Juli gewann, dass er nicht als Jurist oder Geschäftsmann leben wollte, sondern als Künstler. So entschied er sich schließlich, das Angebot der Herzogs Carl August anzunehmen. Goethe löste die Verlobung mit Lili und brach am 30. Oktober 1775 nach Weimar auf, wo er – abgesehen von seiner langen Italienreise – bis an sein Lebensende blieb. Sie sahen sich nur noch einmal wieder, gedachten aber ihr ganzes Leben gerne aneinander: „Erinnerung der Liebe / Ist wie die Liebe, Glück.“

Dagmar von Gersdorff: Goethes erste große Liebe Lili Schönemann. Insel Verlag, Berlin 2014. 110 Seiten, gebunden. 10,00 €

P.S.: Zwei Interpretationen zur Lili-Lyrik findet man in meinem Buch Gedichtinterpretationen. Von Goethe bis Beyer.

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