Frankfurter Anthologie 37 – Gedichte und Interpretationen

FA37Johann Wolfgang Goethe ist seit 182 Jahren tot, die meisten seiner Gedichte sind über 200 Jahre alt. Und doch wirken sie kaum angestaubt, erstaunlich jung und mitunter sogar überraschend aktuell. Diesen Eindruck vermitteln jedenfalls die drei Gedichte, die im neusten Band der Frankfurter Anthologie enthalten sind. „Der Narr epilogiert“, „Lied und Gebilde“ und „Ob der Koran von Ewigkeit sei“ gehören allesamt nicht zu Goethes bekannten Gedichten, die – wen wundert es – in über 100 Beiträgen längst in der Anthologie interpretiert wurden, sind aber allesamt lesenwert.

Marcel Reich-Ranicki, dem leider im September des letzen Jahres im Alter von 93 Jahren verstorbenen Literaturkritiker und Literaturliebhaber, verdanken wir es, dass er diese Goldstücke der deutschsprachigen Lyrik durch eine Publikation in der Samstagsausgabe der größten deutschen Tageszeitung, der Frankfurter Allgemeinen, über Jahrzehnte hoch gehalten hat und dank der beigefügten, zeitgemäßen, eingängig zu lesenden Interpretationen in neuem Glanz erstrahlen ließ. Bereits am 15. Juni 1974 startete er dieses einmalige Unterfangen. Als Ziel postulierte er damals sachlich und nüchtern: „Der Dichtung eine Gasse“. Seitdem können wir jeden Samstag ein Gedicht im Feuilleton der FAZ finden, das von einem namhaften Interpreten (Lyriker, Kritiker oder Literaturwissenschaftler) vorgestellt wird. Egal ob aus dem Barock, der Klassik, dem Expressionismus oder der Postmoderne. Alle Epochen stehen gleichberechtigt nebeneinander. Die Reihenfolge ist bunt gemischt, nur gelegentlich thematisch gebunden, wie zur Adventszeit oder in einem Schillerjahr.

Sobald fünfzig Gedichte samt Kommentar erschienen sind, werden sie gesammelt in Buchform noch einmal veröffentlicht; geordnet nach dem Geburtsjahr des Verfassers. Die ersten dreiunddreißig Bände publizierte der Insel-Verlag, seit 2011 werden sie vom S. Fischer Verlag ebenfalls in gebundener, wohlfeiler Ausgabe mit einem Lesebändchen verlegt.  In den nunmehr 40 Jahren hat Marcel Reich-Ranicki nichts an seiner Konzeption verändert. Selbst das Design sowie das Layout der Buchausgabe blieben immer gleich. Der S. Fischer Verlag hat lediglich die Farbe des Leinenbandes geändert, statt in Dunkelbraun erstrahlt das Buch ohne den weißen Schutzumschlag nun in Meeresblau. Allerdings ist dem Verlag bei der Herstellung ein unverzeihlicher Fehler unterlaufen, denn die Prägung auf dem Buchrücken lautet: „Sechsundreißigster Band“.

Auch im vorliegenden 37. Band findet man neben Goethe wieder zahlreiche Autorinnen und Autoren, die man gemeinhin dort erwartet:  Brentano, Eichendorff, Heine, Lasker-Schüler, Rilke, Benn, Brecht und Kunert. Es werden zwar auch zwei Gedichte von Durs Grünbein („Im Kolonnadenhof“, kommentiert von Wulf Segebrecht, sowie „Teekanne mit Khakifrüchten“, kommentiert von Mathias Mayer) besprochen, doch es gibt bis auf Ann Cotten („Nein“) keine wirklichen Neuentdeckungen, der Kanon ist sehr traditionell, sprachexperimentelle Lyrik etwa findet man in der Frankfurter Anthologie nicht.

Ich selbst bin als Interpret zum zehnten Mal in dieser Reihe vertreten. In diesem Band stelle ich das Gedicht „Groß-Stadt-Weihnachten“ von Kurt Tucholsky vor, das dieser Ende 1913 in Vorahnung des kommenden Ersten Weltkriegs verfasst hat.

Es mangelt insgesamt an jüngeren Autorinnen und Autoren. Hier besitzt die Frankfurter Anthologie Nachholbedarf, denn die Werke der älteren und verstorbenen Schriftstellerinnen und Schriftsteller wurden mit der Zeit ausführlich vorgestellt. Inzwischen liegen rund 2000 verschiedene Gedichte samt ihrer Interpretation vor. Eine Verjüngungskur bei den Interpreten würde andere Blickwinkel und neue Autorennamen mit sich bringen und der Reihe ebenfalls gut tun.

Marcel Reich-Ranicki hat eine bestechend zeitlose Konzeption entwickelt und der deutschsprachigen Lyrik damit ein Pantheon geschaffen. Seit März diesen Jahres führt Rachel Salamander in der FAZ seine Erfolgsreihe weiter. Als Neuerung hat sie Selbstinterpretationen eingeführt, außerdem erlaubt sie Doppelungen bei den ausgewählten Gedichten. So können wir berechtigt hoffen, dass auch im nächsten Jahr wieder ein wohlfeiler Band der Frankfurter Anthologie erscheinen wird.

Marcel Reich-Ranicki (Herausgeber): Frankfurter Anthologie. Siebenunddreißigster Band. Gedichte und Interpretationen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2014. 317 Seiten, gebunden. 24,99 €

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s