Andreas Steinhöfel „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ – ein wunderbarer Kinderkrimi

9783551310293_0Im ersten Teil der preisgekrönten Serie von Andreas Steinhöfel beginnt die wunderbare Freundschaft zwischen dem tiefbegabten Rico und dem hochbegabten Oskar.

Der zwölfjährige Frederico Doretti, genannt Rico, lebt im Berliner Kiez und besucht dort das Förderzentrum, weil er lernschwach ist. Er  kann vieles nicht behalten, kann sich nicht orientieren und kämpft schwer mit den Fremdwörtern, die in unserem täglichen Leben auftauchen. Er selbst nennt sich „tiefbegabt“. Sein Vater ist früh verstorben und seine Mutter arbeitet hinterm Tresen in einer Erotikbar, weshalb Rico viel alleine und oft auf sich selbst gestellt ist. Kontakt und Unterstützung sucht er immer wieder bei den Mitbewohnern des sechststöckigen Mietshauses in der Dieffenbachstraße 93 in Kreuzberg, kurz Dieffe 93, einer bunter Mischung aus Eigenbrötlern, alleinstehenden Damen, einer Familie mit verzogenen Kindern und Studenten.

Mit seinem Deutschlehrer hat Rico verabredet ein Ferientagebuch auf dem Computer zu schreiben. Mit einem feinen, auch selbstironischen Blick beschreibt der Zwölfjährige darin, wie er den hochbegabten und einige Jahre jüngeren Oskar kennenlernt. Daraus entwickelt sich eine besondere Freundschaft, die durch die Andersartigkeit der beiden viel Witz mit sich bringt und beim Leser viel Empathie für diese Außenseiter erzeugt. Schon beim ersten Treffen versetzt Oskar den maßlos enttäuschten Rico. Doch es stellt sich heraus, dass Oskar vom Kinderfänger und Erpresser Mister 2000 gekidnappt wurde.

In Ricos Gehirn läuft vieles langsamer ab, oft kommt er ganz durcheinander, dann klackert es in seinem Kopf wie Bingokugeln in einer Trommel. Trotzdem denkt Rico geradeaus. Und speziell, weil er nicht von sich überzeugt ist und vieles immer wieder in Frage stellt, kommt er mit seinem Denken vorwärts. Mutig sucht Rico ein früheres Opfer des Entführers auf. Auch wenn ihm seine Angaben zunächst nicht weiterhelfen, nach und nach kommt Rico drauf und weiß schließlich, wo er seinen neuen und einzigen Freund Oskar finden kann.

Rico kann sich keine Fremdwörter merken und versteht sie daher nicht. Tapfer notiert er sich notgedrungen die Übersetzung ins Deutsche und erläutert sie sich selbst: „Egoismus: Wenn man nur an sich selber denkt. Es gibt auch das Gegenteil davon, dann denkt man nur an andere, und wer das tut, wird ein Heiliger. Heilige werden allerdings meistens nur ausgenutzt und zuletzt abgemurkst.“  In diesem sehr bewussten Umgang mit Sprache liegt ein besonderer Reiz und Gewinn dieses Kinderbuches. Auch Wortneuschöpfungen wie „Tieferschatten“, die Rico beispielsweise für Schatten im Hinterhaus, die noch etwas dunkler sind als vorhandene Schatten, erschafft, fördern das Sprachbewusstsein des Lesers.

Steinhöfels Kinder-Krimi steht in direkter Traditionslinie von Erich Kästners „Emil und die Detektive“ (1929). Das gilt vor allem für das authentische Sujet der Großstadt Berlin sowie für die realistische Darstellung. Völlig zu Recht erhielt er daher 2009 den Erich-Kästner-Preis für Literatur. Mit der Auslotung der deutschen Sprache und zwei Außenseitern als Protagonisten gewinnt Steinhöfel gegenüber Kästner sogar deutlich an Tiefenschärfe. Während Erich Kästner nur noch eine Fortsetzung hinbekam („Emil und die drei Zwillinge“, 1934), vollendete Steinhöfel mit „Rico, Oskar und das Herzgebreche“ und „Rico, Oskar und der Diebstahlstein“ eine formidable Kinderbuch-Trilogie.

Andreas Steinhöfel: Rico, Oskar und die Tieferschatten. Carlsen Verlag, Hamburg 2011. 220 Seiten, broschiert. 6,95 €. ISBN 978-3-551-31029-3

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