„Polderpoesie“ – Junge Lyrik aus Flandern und den Niederlanden

img_2090So nah und doch so fern. Ich wohne gut vierzig Kilometer von der holländischen Grenze entfernt. Doch niederländische Lyrik? Dazu fällt mir nur Anna Enquist ein. Und hat Cees Noteboom nicht auch Gedichte geschrieben? Ja, sicher. Aber was ist mit der aktuellen Lyrikszene? Die Sprache ist eben doch eine entscheidende Grenze, sie wirkt stärker als die räumliche. Dem Übersetzer Stefan Wieczorek und dem Autor Christoph Wenzel, beide zugleich auch promovierte Literaturwissenschaftler, kommt nun das große Verdienst zu, junge Lyrik aus Flandern und den Niederlanden in einer zweisprachigen, kompakten und zugleich umfangreichen Anthologie dem deutschsprachigen Publikum zu präsentieren. Jung heißt in diesem Fall, dass alle Autorinnen und Autoren Jahrgang 1973 oder jünger sind (bis Jahrgang 1988). Wieczorek und Wenzel glauben damit eine Generation von Lyrikerinnen und Lyrikern zu erfassen, die sich „ästhetisch (wie auch räumlich) als hoch beweglich und originär“ darstellt. Der Titel „Polderpoesie“ bezieht sich dabei nicht nur auf die typische Landschaft dieser Region, sondern meint auch, dass diese Generation poetisches Neuland geschaffen hat. Dem kann man zumindest teilweise zustimmen.

Jeder der 21 Autorinnen und Autoren ist mit etwa sieben Gedichten vertreten, abhängig von der Länge der Texte. So enthält der Band von Annemarie Estors nur ihr Langgedicht „Ein Berg gestorbener Tiere“. Damit wird auch die Vielfalt der lyrischen Texte deutlich. Es gibt sehr kurze und sehr lange Gedichte, kompakte und mehrstrophige, in Blocksatz und rechtsbündig formatierte. Das Buch verwendet unterschiedliche Schriftarten für das Original und die Übersetzung, die sich jeweils gegenüber stehen. Fünf Übersetzerinnen und Übersetzer waren an diesem Projekt beteiligt. Da das Niederländische außer bei Eigennamen keine Großschreibung kennt, stellte sich mir die Frage, wann die Übersetzung ins Deutsche auf die übliche Groß- und Kleinschreibung verzichtet. Stefan Wieczorek selbst übersetzt Els Moors und Anne Büdgen komplett in eine Kleinschreibung. Weil diese im Original auf eine Zeichensetzung verzichten? Das macht Thomas Möhlmann auch, doch Ard Posthuma verwendet in seiner Übersetzung die korrekte deutsche Orthographie. Hier wären Hinweise im ansonsten sehr erhellenden Nachwort von Stephan Wieczorek hilfreich gewesen. Dem entnimmt man die überraschende Information, dass Poesie in Flandern und den Niederlanden deutlich populärer als im deutschen Sprachraum ist. Es gibt eine Vielzahl von Festivals, Preisen und Ernennungen zum Stadtdichter. Sehr interessant erscheint auch das literarisch-soziale Projekt „De enzame uitvaart / Das einsame Begräbnis“, das der flämische Dichter Maarten Inghels in Antwerpen koordiniert. Hier verfassen Dichter quasi stellvertretend für die Gesellschaft ein Gedicht für einsam Verstorbene, das während der Beerdigung vom Autor vorgetragen wird. Die beiden im Buch abgedruckten Beispiele „Eine Moschee“ und „Soviel Aufmerksamkeit waren Sie wohl nicht gewohnt“ sind berührend.

Es drängt sich die Vermutung auf, dass die Poesie bei unseren Nachbarn auch deshalb populärer ist, weil die Gedichte einfacher zugänglich sind. Sprachexperimentelle und hermetischer Texte liefert der vorliegende, insgesamt sehr lesenswerte Band jedenfalls kaum. Offenbar aufgrund verschiedener Förderungen, u.a. durch die Kunststiftung NRW, kommt der ansprechend gestaltete Band ausgesprochen preiswert daher. Und um es mit Andy Fierens zu sagen: „aber fakten bleiben fakten / der himmel ist blau / krebs ist hip // ich wollte du wärst ein seehund // dann könnte ich auf dich einknüppeln“.

Stephan Wieczorek / Christoph Wenzel (Hg.): Polderpoesie. Junge Lyrik aus Flandern und den Niederlanden. [SIC]-Literaturverlag, Aachen, Berlin 2016. 391 Seiten. 16 €

 

Tina Maria Gintrowski ist nächster Gast bei „1 Gedicht und mehr“

tina-gintrowski-pengNächster Gast in der Reihe „1 Gedicht und mehr“ ist am Dienstag, dem 7.2.2017, um 2o Uhr im Niederrheinischen Literaturhaus Krefeld die Kölner Lyrikerin Tina Ilse Maria Gintrowski.

Sie wurde 1978 in Berlin geboren und studierte Germanistik sowie Romanistik in Bonn und danach am Deutschen Literaturinstitut Leipzig.

Gintrowski schreibt seit vielen Jahren Lyrik und Prosa und wurde mehrfach ausgezeichnet. Sie veröffentlichte neben zahlreichen Beiträgen in Zeitschriften und Anthologien die beiden Gedichtbände „Peng“ (poetenladen, Leipzig 2011) sowie „Jupiter – Neue Weltansichten und Milchstraßeneis“ (tauland-verlag, Köln 2015).

Ihre Gedichte leben von Wortspielen und Rhythmik, von raffinierten Binnenreimen, Alliterationen und verblüffenden Assoziationen. Es ergibt sich ein atemloses Parlando, manchmal frech-witzig, manchmal bissig-bös. In einem Wechselspiel von Lesung und Gespräch werden wir ihrer Lyrik eingehend nachspüren.

Arche Kinder Kalender 2017 – Gedichte und Bilder aus der ganzen Welt

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„Jedes Kindergedicht öffnet ein Fenster zur Welt.“ Dies ist das Motto des Arche Kinder Kalender, der auch 2017 Woche für Woche ein illustriertes Kindergedicht präsentiert. Ausgewählt haben die Texte und Illustrationen die Direktorin der Internationalen Jugendbibliothek in München, Dr. Christiane Raabe, und ihre Mitarbeiter aus dem ihrem reichen Fundus. Die Texte einschließlich ihrer grafischen Ergänzung stammen aus der ganzen Welt, aus unterschiedlichsten Sprach- und Kulturräumen. Das macht das Durchblättern so interessant, denn es zeigt, was alle Kinder dieser Welt verbindet. Die Wahrnehmung ihrer Umgebung durch Sprache und das fantasievolle, lustvolle Spiel mit Sprache: „In einem Café in Wien / bestellt ein Berliner / ein Paar Wiener / und zwei Berliner.“

Die 53 Kalenderblätter sind großartig: farbenfroh, ansprechend, kindgerecht und sehr abwechslungsreich gestaltet. Das liegt daran, dass auch die Illustrationen aus den verschiedenen Ländern stammen. Der Grafiker Marx Bartholl hat die deutsche Übersetzung, den Originaltext sowie die Originalgrafik zusammengeführt und als Kalenderblatt gestaltet. Das einzige, kleine Manko ist, dass sich viele Kindergedichte nur schwer übersetzen lassen. Bei der Übertragung ins Deutsche gehen häufig der Reim und damit auch der Wortwitz sowie der Sprachzauber des Originals verloren. So gelingt es beispielsweise der großartigen Autorin Esther Kinsky in ihrer Übersetzung des wunderbaren Kindergedichts „Überm Meer wird es Tag“ aus dem Polnischen nur zum Teil die faszinierende Lautmalerei ins Deutsche zu übertragen.

Aber dieser kritische Hinweis ist kein Einwand gegen diesen lebensfrohen Kalender. Beglücken Sie mindestens ein Kind damit!

Arche Kinder Kalender 2017 – Mit 53 Gedichten und Bildern aus der ganzen Welt. Herausgegeben von der Internationalen Jugendbibliothek, München. Arche Kalender Verlag, Zürich, Hamburg 2016. 60 Blätter, 53 vierfarbige Illustrationen. 18,- €.

Logbuch Lyrik (8): „Fegefeuer“ von Norbert Hummelt

9783630875217_coverMit beeindruckender Konstanz legt Norbert Hummelt alle drei bis fünf Jahre einen neuen Gedichtband vor. Nach Zeichen im Schnee (2001), Stille Quellen (2004), Totentanz (2007) und Pans Stunde (2011) ist Fegefeuer bereits sein fünfter Band bei Luchterhand. Der 1962 im niederrheinischen Neuss geborene Schriftsteller lebt seit 2006 in Berlin, der Hauptstadt auch der Literaturszene. Für seine Werke wurde er mit zahlreichen Stipendien und Preisen ausgezeichnet, darunter 2007 mit dem Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld. Norbert Hummelt hat sich darüber hinaus auch als Übersetzer (u.a. T.S. Eliots Gedichtzyklus Das öde Land) und Essayist einen Namen gemacht. 2015 war sein Gedicht „der turmfalke“ gar Gegenstand in einer zentralen Deutsch-Abiturklausur in Nordrhein-Westfalen.

Im Laufe der Jahre hat Hummelt in seiner Lyrik eine ganze eigene Form und einen unverwechselbaren Ton gefunden. Für die Form charakteristisch ist die Kleinschreibung, die Abkürzung „u.“ für das Wort „und“, die häufige Verwendung von zwei oder dreizeiligen Strophen und ganzen Sätzen sowie die klangliche Arbeit mit Binnenreimen, die nach Meinung von Hummelt selbst jedoch gar keine Binnenreime sind, sondern Endreime, die lediglich in der Mitte einer Zeile auftauchen, da der Vers dort erst zu Ende ist. Zur Verdeutlichung zitiere ich exemplarisch die ersten beiden Strophen des Gedichts „unter den glocken“:

„recht frohen dank für deine liebe post u.  für
die grüße von der hohen acht. ich hoffe auch,
du hast an mich gedacht u. meine karte von köln

bekommen, die karte mit dem dicken pitter! die
erkältung hat mich, wie du siehst, von der fahrt
nicht abgebracht. ich hatte mir am tag zuvor eine“

Viele der Gedichte von Norbert Hummelt in seinem neuen Gedichtband lassen sich geographisch verorten, da oftmals Ortsnamen erwähnt werden, wie „selikum“ und „ahrdorf“ aus seiner Heimat oder der Berliner Alexanderplatz. Wie in seinen vorangegangen Bänden schöpft Hummelt weiterhin sehr intensiv und höchst ertragreich aus der Vergangenheit, vor allem aus seiner Kindheit. Der Ton seiner Gedichte ist sehr melodisch und ruhig. Dabei sind seine Texte rhythmisch durchkomponiert. Dadurch erhalten die vermeintlichen Prosasätze ihre poetische Aufladung, die sie im Zusammenhang einer verdichteten Atmosphäre dann vollends entfalten. Eine weitere herausragende Eigenschaft von Hummelts Lyrik ist, dass seine Gedichtbände thematisch strukturiert sind. Seine 60 Texte in fegefeuer sind so in fünf Kapitel gegliedert, dass sie sich innerhalb dieser Kapitel auch inhaltlich aufeinander beziehen und zudem formal korrespondieren. Ganz stark ist der Beginn des Bandes mit dem Kapitel „Triptychon“, in dem Hummelt in drei Gedichten Traumfetzen mit Erinnerungen überblendet und den Leser sofort in seinen Bann schlägt. Der Sog, der den Wanderer immer wieder an den geheimnisvollen, dunklen Ort lockt, zieht den Leser unweigerlich ins Buch. Das Traumthema wird am Ende des Buches wieder aufgegriffen. Dort schließt das Titelgedicht mit den Versen: „doch trübe alles, leere luft! u. wenn man schläft, dann / kommt der traum; erst wird uns warm u. man sieht / feuerzungen u. dann brennt irgendwann der ganze raum.“ Ich habe auch Feuer gefangen. Für Norbert Hummelts neuen Gedichtband.

Norbert Hummelt: Fegefeuer. Gedichte. Luchterhand Literaturverlag, München 2016. 96 Seiten, gebunden. 18,00 €

Peter Longerichs voluminöse Hitler-Biographie ist auf dem Weg zu einem Standardwerk

9783827500601_CoverMehr als zwei Jahrzehnte galt Joachim Fests Hitler Biographie, die 1973 erschien und zu einem Bestseller avancierte, als das Buch, in dem zumindest aus deutscher Sicht fast alles zur deutschen Variante des Faschismus gesagt war. Fest stellte den Nationalsozialismus unter faschismustheoretischer Perspektive als Produkt des Führers dar, was es vielen Deutschen einfach machte, die Frage nach einer Mitverantwortung zu negieren oder zumindest abzumildern. Erst die zweibändige Hitler-Biographie des Briten Ian Kershaw (1998 bzw. 2000) bildete ein neues Standardwerk. Kershaw erklärte in einer anderen Sichtweise Hitlers Aufstieg und sein Herrschaftssystem mit Blick auf die verschiedenen gesellschaftlichen Kräfte.

Fünfzehn Jahre später veröffentlichte der Siedler Verlag nun in einem Jahr zwei neue voluminöse Hitler-Biographien. Während Wolfram Pyka einen eigenwilligen, neuartigen Blick auf Hitler und sein Herrschaftssystem unter dem Blickwinkel „Der Künstler als Politiker und Feldherr“ vornahm, stellt im vorliegenden Buch Peter Longerich Hitler detailliert als in vielen unterschiedlichen Bereichen sehr aktiven Politiker dar, der schließlich eine höchst extreme Führerdiktatur installierte.

Longerichs Buch ist eigentlich zu umfangreich, um es Seite für Seite durchzulesen. Aber wenn man es als Basisliteratur oder als Nachschlagewerk nutzt, bleibt man stets im aufgeschlagenen Kapitel hängen. Das Personen- und Ortsregister sowie die Anmerkungen sind excellent geführt. So lassen sich Detailfragen schnell klären. Longerichs Darstellung erfolgt chronologisch in sieben Teilen. In der abschließenden Bilanz heißt es: „Im Mittelpunkt des Dritten Reiches stand ein entschlossener Diktator, der diesen Prozess auf allen Ebenen formte, sämtliche Energien auf seine Person ausrichtete und sich eine Machtfülle erarbeitete, die ihm einen beispiellosen Handlungsspielraum eröffnete.“

Stringent und faktenreich untermauert der Londoner Geschichtsprofessor Peter Longerich, der 1955 in Krefeld geboren wurde und bereits mit seinen Biographien über Heinrich Himmler und Joseph Goebbels hervorgetreten ist, auf der Grundlage neuster Forschungen seine These. So ist diese Hitler-Biographie auf bestem Wege, ebenfalls zu einem neuen Standardwerk zu avancieren.

Peter Longerich: Hitler. Biographie. Siedler Verlag, München 2015. 1396 Seiten, gebunden. 39,99 €. 

Thomas Karlauf beleuchtet eloquent die späten Jahre von Helmut Schmidt

karlauf-schmidtDas besondere Interesse, dass die Deutschen in den letzten anderthalb Jahrzehnten für Helmut Schmidt aufgebracht haben, nutzen der Siedler Verlag und Thomas Karlauf für eine Biographie, die sich auf die Jahre nach Schmidts Ablösung als Bundeskanzler durch Helmut Kohl im Oktober 1982 beschränkt. Das Buch beginnt mit der Ausleuchtung der Hintergründe dieses Ereignisses, das durch das ungewöhnliche Mittel des konstruktiven Misstrauensvotums in der Geschichte der Bundesrepublik bislang einmalig blieb. Karlauf betitelt dieses erste Kapitel als „Inszenierung eines Verrats“.

Das voluminöse Buch ist in drei Teile gegliedert: „Jahre der Zurückhaltung (1982-1990)“, „Jahre der Einmischung (1991-2003)“ und „Wege des Ruhms“. Sie verdeutlichen die unterschiedlichen Phasen von Schmidts späten Jahren.

Egal, wo ich das Buch aufgeschlagen habe, ich habe mich festgelesen. Das liegt zum einem natürlich an der besonders spannenden Biographie dieses außergewöhnlichen Staatsmanns,  vor allem aber am glänzenden Stil von Thomas Karlauf, der bereits 2007 mit seiner herausragenden Biographie von Stefan George auf sich aufmerksam gemacht hat. Nun ist Karlauf aber nicht nur ein besonders guter Biograph, er besitzt auch im Fall Helmut Schmidt eine besondere Nähe zum Gegenstand, denn seit 1987 betreute er als Lektor Schmidts Buchveröffentlichungen. Trotz dieser Nähe und Verbundenheit gelingt es Karlauf die nötige kritische Distanz aufzubauen. Vermutlich erleichterte der Tod von Schmidt im November 2015 es Karlauf, der bereits auf Veranlassung von Helmut Schmidt mit den Vorarbeiten, insbesondere der intensiven Durchforstung seines Privatarchivs in Hamburg begonnen hatte, diese für einen Biographen notwendige Perspektive einzunehmen. Herausgekommen ist jedenfalls ein außerordentlich lesenswertes Buch, das dem Zeitgeist dieser 33 Jahre nachspürt, dabei Schmidts agiles Handeln als Publizist und Elder Statesman Revue passieren lässt und zahlreiche neue Details sowie unbekannte Facetten an Schmidt herausarbeitet, beispielsweise in seinem Verhältnis zu Kohl und zu Genscher, die ihn gemeinsam stürzten.

Thomas Karlauf: Helmut Schmidt – Die späten Jahre. Siedler Verlag, München 2016. 558 Seiten, gebunden. 26,99 €

„Lunapark“ – Volker Kutschers Kommissar Rath ermittelt 1934 im Umfeld der SA in Berlin

9783462315820_10Auf acht Bände hat Volker Kutscher seine Serie um Kommissar Gereon Rath geplant. Sie beginnt im April 1929 und soll während der Olympischen Spiele 1936 in Berlin enden. Mit beeindruckender Konstanz legt Kutscher bislang alle zwei Jahre einen neuen voluminösen Fall vor (zuletzt 2014 Märzgefallene). Inzwischen hat er zeitgeschichtlich das Frühjahr 1934 erreicht. Die Sturmabteilung (SA) der Nationalsozialisten hat sich zu einer zweiten  Polizei im Staats aufgeschwungen, die sich an keinerlei Gesetze gebunden fühlt. Gerüchte um die Homosexualität ihres Führers Ernst Röhm machen die Runde.

Gleichwohl ist Lunapark der schwächste Band in dieser ambitionierten Reihe. Gereon Rath verlässt sich voll und ganz auf bereits eingeführte Personen – sowohl bei den Ermittlern (z. B. Gräf) als auch bei den Verbrechern (einmal mehr Doktor Marlow). Vermutlich ist dies Kutschers Zugeständnis an den Seriencharakter, denn schließlich werden Kutschers erste Romane gerade aufwändig für eine internationale Fernsehserie unter dem Arbeitstitel „Babylon Berlin“ verfilmt. Auch die Szenerie ist wenig originell, sie spielt an wenigen unspektakulären Orten in Berlin, vorzugsweise im Gebäude der Geheimen Staatspolizei sowie in der Wohnung von Gereon Rath und seiner Frau Charlotte, die auch in diesem Fall die wichtigste Nebenrolle innehat. Erst als Rath den stillgelegten Lunapark betritt (S. 368), in dem sich Kommunisten und der gesuchte Mörder versteckt halten, gewinnt die Handlung an Spannung.

Unverständlich bleibt zudem, warum Volker Kutscher den Fall für den Leser bereits auf Seite  247 auflöst. Dort wechselt die Erzählperspektive für ein kurzes Kapitel in die Sicht des Mörders. Damit werden unnötig früh die Hintergründe der Mordserie aufgeklärt. Der Leser weiß danach lange Zeit mehr als der Kommissar und der Spannungsbogen ist erst einmal dahin. Erst gegen Ende nimmt der Roman noch einmal Fahrt auf. Dabei beleuchtet er das historische Ereignis des sogenannten Röhm-Putsches Ende Juni 1934. Einerseits schätzt man die Serie wegen der fundierten historischen Hintergründe, andererseits wirkt es gestelzt, wenn etwa Charlys Chef ihr lange Passagen aus der berühmten Marburger Rede des Vizekanzlers Franz von Papen vorliest.

Trotz der genannten Einwände habe ich das Buch zügig zu Ende gelesen und bin wiederum sehr auf die nächsten Bände gespannt. Und hoffe, dass Kutscher noch einmal zur Klasse und Originalität der ersten vier Bände zurückfindet und nicht einfach routiniert die Serie zu Ende schreibt.

Volker Kutscher. Lunapark. Gereon Raths sechster Fall. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016. 560 Seiten, gebunden. 22,99 €