Fortuna Düsseldorf im Nationalsozialismus – ein unbewältigtes Kapitel Vereinsgeschichte

Fortuna Düsseldorf im NationalsozialismusErst der voluminöse Sammelband „Hakenkreuz und rundes Leder“ (2008) rückte das Thema Fußball im Nationalsozialismus ins Flutlicht. In dessen Folge setzten sich tatsächlich zahlreiche Vereine dezidiert mit ihrer braunen Vergangenheit auseinander. Nicht jedoch Fortuna Düsseldorf, seines Zeichens Deutscher Meister im Jahre der Machtergreifung 1933, Deutscher Vizemeister 1936 und Pokalfinalist 1937. Allein diese Daten machen deutlich, dass es da einiges aufzuklären gilt. Die Vereinsseite zeigte jedoch bislang daran keinerlei Interesse. Erst in den letzten Jahren hat man die privaten Forscher Michael Bolten („Paul Janes und die Fliege am Torpfosten“, 2012) und Stephan Vogel, den Verfasser des vorliegenden Buches, leidlich unterstützt.

Stephan Vogel legt nach „Fortuna Düsseldorf. Oberliga West 1947-1955“ (2013) und „Fortuna Düsseldorf. Die Meisterschaft 1933“ (2013) nun das Ergebnis seiner weiteren, vierjährigen Beschäftigung mit der braunen Vergangenheit dieses Vereins vor. In dieser Zeit überprüfte er alle namentlich bekannten Mitglieder, bei denen zusätzlich das Geburtsdatum zu ermitteln war, auf Mitgliedschaften in nationalsozialistischen Vereinigungen sowie ggf. ihre Entnazifizierungsverfahren durch Einblicknahme in die entsprechenden Akten im Landesarchiv und im Bundesarchiv. Zudem sichtete er die Vereinsakten mit den Protokollen der Mitgliederversammlungen sowie die gedruckten Vereinsnachrichten. Das war eine immense Fleißarbeit, die jedoch nur bedingt ergiebig war. So stellt Vogel beispielsweise fest, dass von den 18 ausgemachten Funktionären und 27 Ehren- und Nadelträgern des Vereins 19 Mitglieder des NSDAP waren, und zwar 50% der Funktionäre und 37% der besonderes ausgezeichneten Mitglieder. Von den Parteimitgliedern wurden nach dem Krieg 13,3% als Mitläufer eingestuft, 40% als unbelastet und bei den übrigen 46,7% fand sich keine Entnazifizierungsakte.

Das Buch besteht zum größten Teil aus der Darstellung der gesammelten biographischen Daten der Funktionäre, Trainer und Spieler, die in der Zeit 1933-1945 eine Rolle im Verein spielten. Ihr steht eine kurze Einführung voran, anschließend folgt nur noch ein sehr knappes Resümee von gut einer Seite. Dort heißt es: „Nach einer problemlosen Gleichschaltung versuchte [sic!] der Verein und seine Vertreter in den folgenden Jahren eine gewisse Ausgewogenheit zwischen den ideologischen Vorgaben und einer realen und eher unpolitischen Vereinsarbeit zu finden.“  Das ist als Fazit natürlich sehr mau und wenig differenziert. Viele sprachliche Fehler und ein unzureichendes Literatur- und Quellenverzeichnis (z.B. fehlen durchgängig Erscheinungsort und -jahr) trüben den Gesamteindruck zusätzlich.

Es zeigt sich, dass Vogel mit einer zusammenhängenden Darstellung und Einordnung seiner mühsam zusammengetragenen Fakten insgesamt überfordert ist. Dazu hätte zunächst eine Einordnung des Themas in den Bereich Sport im „Dritten Reich“ erfolgen müssen. Zudem hätte ich erwartet, dass die vorliegenden historischen Erkenntnisse anderer Vereine zum Vergleich herangezogen werden. So bleibt sein Buch hinsichtlich einer Deutung der Funde und einer chronologischen Darstellung der Zeit zwischen 1933 und 1945 hinter den beiden Kapiteln im Standardwerk von Bolten / Langer („Alles andere ist nur Fußball. Die Geschichte von Fortuna Düsseldorf“, 2009) zurück. Vogels Verdienst ist seine akribische Sammlung der biographischen Daten von 89 Männern, die zwischen 1933 und 1945 im Verein in Erscheinung traten. Darauf könnte eine immer noch ausstehende Darstellung der Geschichte von Fortuna Düsseldorf im Nationalsozialismus aufbauen.

Werbung: Stephan Vogel: Fortuna Düsseldorf im Nationalsozialismus. tredition Verlag, Hamburg 2017. 124 Seiten, broschiert. 14,99 € 

(Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift Der tödliche Pass, Heft 86, Oktober 2017.)
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Verschwundene Kultstätten des Fußballs – Werner Skrentny gräbt sie wieder aus

9783730701928_cover_0„Es war einmal ein Stadion“. Der Titel dieses Buches klingt nach einem Märchen. Doch es ist alles andere als das. In akribischer Detailarbeit hat Werner Skrentny eine bemerkenswerte Vielzahl von Fakten über verschwundene Spielstätten des deutschen Fußballs zusammengetragen, die einst die Bühne für ambitionierte Partien boten. Das Aachener Tivoli, das Mönchengladbacher Bökelberg-Stadion, das Essenern Georg-Melches-Stadion und das Düsseldorfer Rheinstadion kennt jeder eingefleischte Fußballfan. Doch Skrentny beschreibt darüber hinaus zahlreiche weniger bekannte Fußballplätze, insgesamt fast hundert, und bewahrt sie damit vor dem Vergessen: „Die Hölle des Nordens“ etwa, das legendäre Stadion des VfB Oldenburg in Donnerschwee. Das Buch macht deutlich, wie fahrlässig man mit den architektonischen Relikten der deutschen Fußballgeschichte umgeht. Während man alte Schlösser und Herrensitze grundsätzlich zu erhalten sucht, sprengt man die Erinnerungsorte von abertausend Menschen einfach weg oder überlässt jene achselzuckend der Natur, wie das Titelfoto vom Hermann-Löns-Stadion in Solingen eindrucksvoll belegt.

Der verdienstvolle und sorgfältig editierte Band gliedert sich in drei Abschnitte: Stadien, die es nicht mehr gibt – Selber Ort, neuer Bau – Legendäre Holztribünen. Zahlreiche eindrucksvolle Fotos lassen die Fußballhistorie kurzzeitig wieder lebendig werden. Präzise Ortsangaben ermöglichen es jedem Interessierten die Relikte selbst in Augenschein zu nehmen, wie beispielsweise den Weidenpescher Park in Köln, in dem 1905 und 1910 das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft stattfand.

Selbst die im Volksmund als „Lena-Arena“ titulierte Spielstätte airberlin world in Düsseldorf ist in dem Buch dankenswerter Weise enthalten. Sie wurde 2011 als Metallgerüstbau für 20.100 Zuschauer aus der Erde gestampft, damit in der Esprit Arena nebenan der Eurovision Song Contest stattfinden konnte, und existierte nur sieben Wochen.  Lediglich vier Spiele gab es dort, darunter drei Heimspiele von Fortuna Düsseldorf in der 2. Bundesliga, die allesamt gewonnen wurden. Es lag damals eine besondere Atmosphäre über dem engen Provisorium, an die mich gerne erinnere.

Skrentnys Buch ist eine Fundgrube für historische interessierte Sportfans. Es enthält fußballerische Zeitgeschichte mit vielen kuriosen Geschichten, auch aus der Provinz. So musste die Stadt Neubrandenburg, die über zwei Stadien verfügte, nach dem Aufstieg des SC 1964 in die DDR-Oberliga eine dritte Spielstätte bauen, da die Spielfläche in den beiden vorhandenen Stadien zu klein war.

Fußballstadien sind Erinnerungsorte und deshalb schützenswert. Vielleicht trägt dieses Buch dazu bei, dass der Abriss von Sportstätten nicht mehr so leichtfertig erfolgt wie vielerorts bislang geschehen. Als rühmliche Ausnahme ist das Augsburger Rosenau-Stadion zu nennen, das seit 2014 unter Denkmalschutz steht. Werner Skrentny jedenfalls hat zusammen mit seinen Mitarbeitern das erste Standardwerk für eine Archäologie des deutschen Fußballs vorgelegt.

Werbung: Werner Skrentny: Es war einmal ein Stadion. Verschwundene Kultstätten des Fußballs. Verlag Die  Werkstatt, Göttingen 2015. 176 Seiten, gebunden. 24,90 €

(Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift Der tödliche Pass, Heft 78, Oktober 2015.)

„Lumpis Weg“ – Frank Lehmkuhls Biografie des Düsseldorfer Kultfußballers Andreas Lambertz

82027-BT-Lumpis-Weg.inddWieso erscheint eine Biografie über einen Fußballspieler, der es mit fast dreißig Jahren gerade mal auf 28 Bundesligaspiele nebst einem Tor gebracht hat? Nun, weil Andreas Lambertz der einzige deutsche Spieler ist, der aus der Viertklassigkeit mit demselben Verein – nämlich Fortuna Düsseldorf – den Durchmarsch in die erste Liga geschafft hat. Genaugenommen waren es sogar fünf Ligen: Oberliga, Regionalliga, 3. Liga, 2. Bundesliga und Bundesliga. Zudem erzielte Lumpi, wie er seit über einem Jahrzehnt genannt wird, in allen Ligen mindestens ein Tor.  In Zeiten der häufigen Transfers und der schnellen Kohle ist dies nicht nur bemerkenswert, sondern eben einzigartig.

Lambertz ist seit vielen Jahren Publikumsliebling in Düsseldorf. Er ist weder ein Spielmacher noch ein Goalgetter, aber in seinem Mittelfeld läuft er alles in Grund und Boden und gibt  immer alles. Ihm verzeiht man daher auch schlechte Leistungen. Gelegentlich häufen sich Stimmen, Lambertz solle aufgrund seiner spielerischen Mängel draußen bleiben. Sitzt er dann mal auf der Bank oder ist durch eine gelbe Karte gesperrt, ist es auch nicht gut: er fehlt dem Spiel der Fortuna. Als unumstrittener Kapitän führte er seine Mannschaft 2009 in die 2. Bundesliga und drei Jahre später in die heiß ersehnte Bundesliga. Für Düsseldorf eine Rückkehr nach fünfzehn Jahren Abstinenz.

Frank Lehmkuhl, seines Zeichens Sportredakteur für den FOCUS, hat aus dieser Geschichte ein Buch gemacht. Es schwankt zwischen Biografie und Fußballhistorie. Natürlich ist Lumpis Weg in den letzten elf Jahren auch der Weg von Fortuna Düsseldorf gewesen, aber man hätte sich mehr biografische Informationen, insbesondere auch bezüglich des Privatlebens von Andreas Lambertz gewünscht. Zumindest wäre es interessant gewesen, Lumpis spezielle Sicht der Dinge kennenzulernen: Wie war das mit den drei Aufstiegen? Wie kam es zum direkten Abstieg aus der Bundesliga, trotz dickem Punktepolster? Wie schwer ist es, eine Mannschaft als Kapitän zu führen? Welche Rollte spielte das Privatleben dabei, dass Lumpi nie aus Düsseldorf wegging? Was zeichnet den Spieler Lambertz genau aus (Laufleistungen, Zweikampfbilanzen, Passquote)?

Das Buch ist leider nicht frei von Fehlern. Beispielsweise erzielte Lambertz seine beiden Tore gegen Holstein Kiel keineswegs im November 2005, sondern am letzten Spieltag jener Saison und das große Talent Robert Begerau gehörte niemals zu einer der beiden DFB-Pokalsieger-Mannschaften, da er schon Jahre vorher den Verein verlassen hatte.

Wenig geistreich sind zudem die Einwürfe von leidlich bekannten Fußballern wie Dieter Burdenski, Axel Roos oder Klaus Fischer, die jedem der zwölf Kapitel als Statement zur Karriere von Lambertz vorangestellt sind. Gut, weil bislang unbekannt, sind die ersten Kapitel über seine Jugendzeit am linken Niederrhein, bei der SG Orken-Noithausen, bei Bayer Dormagen, dem TSV Norf, Borussia Mönchengladbach und dem VfR Neuss. Danach lässt Lehmkuhl die Zeit in Düsseldorf chronologisch Revue passieren. Das allermeiste  ist einem Fortunafan geläufig, aber natürlich liest man das noch mal gerne. Speziell natürlich Lumpis wichtige und teilweise spektakuläre Tore: das 3:3 in der 120. Minute beim Pokalspiel gegen den HSV, seine zwei Auswärtstreffer beim FC St. Pauli und natürlich sein einziges Bundesligator, das die sensationelle 2:1 Führung bei den Bayern bedeutete.

Gelungen ist auch die Schlussbetrachtung „Der Letzte seiner Art“, in der Lehmkuhl überzeugend die Besonderheit der Karriere von Andreas Lambertz herausstellt und eine – ansatzweise kritische  – Bilanz zieht (spielerische Mängel versus Kampfgeist) sowie einen Ausblick versucht. Schafft Lumpi noch einmal den Sprung in die Bundesliga? Geht sein Traum von einem  internationalen Spiel doch noch in Erfüllung? Mein Tipp: erstens ja, zweitens nein. Wir dürfen gespannt sein. Da die Biografie der Allofs-Brüder immer noch aussteht, reiht sich Lumpi als Spieler von Fortuna Düsseldorf, was die Fußballbiografien anbetrifft, nun direkt neben dem großen Paul Janes ein, den Michael Bolten vor zwei Jahren so trefflich porträtiert hat.

Werbung: Frank Lehmkuhl: Lumpis Weg. Die einzigartige Geschichte des Düsseldorfer Fußballers Andreas Lambertz. Delius Klasing Verlag, Bielefeld 2014. 208 Seiten, gebunden. (vergiffen) E-Book 15,99 €

(Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift Der tödliche Pass, Heft 75, Dezember 2014.)

Die Fliege am Torpfosten – Michael Boltens großartige Biographie von Paul Janes

 

9783895338601_0Wer war Paul Janes? Ein ehemaliger deutscher Rekordnationalspieler. Ein Mitglied der Meisterschaft von Fortuna Düsseldorf aus dem Jahre 1933. Der Namensgeber des kleinen Stadions in Düsseldorf, dem ehemaligen Flinger Broich. Und sonst?

Zugegeben auch der Rezensent hätte an dieser Stelle nicht mehr viel hinzufügen können. Außer dass Janes rechter Verteidiger spielte. Und dass es 71 Länderspiele für die Fortuna waren und Uwe Seeler der erste war, der ihn mit der Anzahl der Länderspielberufungen übertraf.

Michael Bolten, der schon die große Chronik über Fortuna Düsseldorf im gleichen Verlag verfasste (mit Marco Langer: „Alles andere ist nur Fußball“, 2005; erweiterte Auflage 2009), hat in mühevoller, jahrelanger Kleinarbeit Licht in dieses sporthistorische Dunkel gebracht und die Lebensgeschichte des wohl bekanntesten Fortunen, die man früher Fortunaten nannte, in lesenswerter Weise dargestellt.

Der Untertitel „Eine deutsche Fußballer-Biografie“ bewirkt zunächst Stirnrunzeln, warum wird das Deutsche so betont, aber beim Lesen wird schnell deutlich, dass diese Betonung zu recht auf die politische Umstände in Deutschland hinweist, ohne die sich die Fußballerkarriere von Paul Janes, der 1912 in Küppersteg, heute Leverkusen, geboren wurde, nicht herleiten lässt. Er machte seine 71 Länderspiele nämlich in der Zeit zwischen 1932 und 1942, genau 70 davon mit dem Hakenkreuz auf dem Nationaltrikot. Der Zweite Weltkrieg beendete schließlich Janes internationale Karriere und verhinderte, dass er mit der Anzahl seiner Länderspiele eventuell sogar die 100 erreicht hätte. Bolten kommt das Verdienst zu, diese historischen Bezüge nie aus den Augen zu verlieren und sie geschickt in die chronologische Darstellung der Stationen als Fußballer einzuflechten. Er macht auch deutlich, dass Paul Janes ein ganz und gar unpolitischer Mensch war, der sich nicht darum scherte, dass die Nationalsozialisten auch den Sport für ihre Zwecke, vornehmlich Propagandazwecke, instrumentalisierte. Diese Politisierung trieb auch eigenartige Stilblüten, wie bei der Olympiade 1936 in Berlin, als eine von oben oktroyierte Aufstellung dazu führte, dass Deutschland frühzeitig und unter den Augen von Hitler mit 0:2 gegen Norwegen aus dem Turnier flog.

Seine größten Erfolge feierte Paul Janes bereits als junger Spieler. Mit 18 Jahren wechselte er vom Dorfklub Jahn Küppersteg zu Fortuna Düsseldorf. Mit diesem Verein wurde bereits mit 21 Jahren Deutscher Meister 1933 und er blieb ihm bis zu seinem Karrierieende 1950 treu. Bereits mit 20 Jahren wurde Janes erstmals ins Nationaltrikot berufen. Nur zwei Jahre später stand er in der Elf, die mit einem 3:2 gegen Österreich den dritten Platz bei der Weltmeisterschaft 1934 in Italien belegte. Mit der Fortuna stand er zwar 1936 noch einmal im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft und 1938 im Endspiel um den Tschammer-Pokal, dem Vorläufer des heutigen DFB-Pokals. Beide Partien wurden jedoch knapp verloren.

Die politischen Umstände in Deutschland führten während des Krieges dazu, dass Spieler ungeachtet ihrer Vereinszugehörigkeit als Gastspieler bei anderen Vereinen eingesetzt werden konnten. So spielte der bei der Kriegsmarine in Wilhelmshaven stationierte Janes ab Dezember 1940 häufig für Wilhelmshaven 05, nach seiner Versetzung nach Brunsbüttel mehrfach für den Hamburger SV. Nach Kriegsende lief der Spieler von Fortuna Düsseldorf Anfang 1946 dann zweimal für Eintracht Frankfurt auf, die nach einem brutalen Foul des in die Jahres gekommenen Janes wohl auf weitere Einsätze verzichtete. Diese bisher wenig bekannten Besonderheiten in der deutschen Fußballgeschichte verdeutlicht Michael Bolten eindrucksvoll am Beispiel von Paul Janes.

Janes langjähriger Nationaltrainer Sepp Herberger beschrieb seinen Mannschaftskapitän unter anderem als trainingsfaul, glaubte aber auch, dass dieser eine Fliege am Torpfosten treffen könne. Gleichwohl begegneten sich beide ihr Leben langer mit großem Respekt und Anerkennung, die man wohl auch Freundschaft nennen kann. Herberger war es auch, der Paul Janes ermunterte, sich als verdienter Nationalspieler um einen Platz beim ersten Trainerlehrergang der Nachkriegsgeschichte zu bewerben. Mit Erfolg. Später vermittelte Herberger ihm unter anderem eine Trainerstelle bei Eintracht Trier, wo Janes zwei Jahre wirkte. Als Trainer war Janes nicht sonderlich erfolgreich, sodass er es in späteren Jahren vorzog, mit seiner Frau eine Gastwirtschaft in Leverkusen zu betreiben.

Bald nach seinem Tod im Juni 1987 trieb der Verein Fortuna Düsseldorf die Umbenennung seines traditionsreichen Flinger Broichs in Paul Janes Stadion voran. Im Juli 1990 wurde dieses respektable Fußballstadion entsprechend umbenannt. Ein würdiges Denkmal für diesen Düsseldorfer Fußballspieler.

Werbung: Michael Bolten: Paul Janes und die Fliege am Torpfosten. Eine deutsche Fußballer-Biografie. Verlag die Werkstatt: Göttingen 2012. 224 Seiten, gebunden. 16,90 €. 

(Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift Der tödliche Pass, Heft 64, April 2012.)

Herausragende Gedichtinterpretationen zur Lyrik von Jan Wagner

IMG_3067Jan Wagner, Jahrgang 1971 und Büchner-Preisträger des letzten Jahres, ist zweifellos der populärste lebende deutschsprachige Lyriker. Erstmals richtig ins Rampenlicht der Öffentlichkeit rückte er, als ihm 2015 als bislang einzigem Autor der Preis der Leipziger Buchmesse für einen Lyrikband zugesprochen wurde, nämlich für das Buch Regentonnenvariationen, das sich in der Folge zu einem veritablen Bestseller entwickelte, von dem sogar eine Taschenbuchausgabe aufgelegt wurde.

Inzwischen ist Jan Wagner auch von der Germanistik entdeckt worden.  Das vorliegende Buch gibt ein eindrucksvolles Beispiel dafür, was sie allen verstaubten Vorurteilen zum Trotz, zu leisten vermag. Die Herausgeber Christoph Jürgensen und Sonja Klimek haben fünfzehn Interpreten versammelt, die jeweils ein Gedicht von Jan Wagner analysieren. Die Beiträge sind dabei chronologisch nach dem Erscheinungsdatum der Gedichte geordnet. Rüdiger Zymer eröffnet diesen herausragenden Band mit einer detailreichen Interpretation von Wagners lyrischem Text „Nature morte“ aus dessen erstem Gedichtband Probebohrung im Himmel. Kenntnisreich untersucht Zymer den Text auf den Ebenen von Motivik, Metaphorik sowie der Strophen-, Reim- und Klangformen und verdeutlicht, welche kunstfertige Lyrik Jan Wagner geschaffen hat. Alle Interpreten arbeiten die bisherige Sekundärliteratur zu ihrem ausgewählten Gedicht auf und ein, stellen mögliche Lesarten nebeneinander und erweitern so beim Leser nachhaltig den Blick auf Lyrik und natürlich speziell die von Jan Wagner. Wer diesen Autor bislang als unpolitischen Naturdichter abgetan hat, wird nach der Lektüre dieses Sammelband ganz sicher anderer Meinung sein.

Konsequent steht Wagners Gedicht „Selbstporträt mit Bienenschwarm“ wie bei ihm selbst auch hier am Ende des Buches. All seine Lyrik kulminiert quasi in diesem poetologischen Text, den Johannes Görbert unter dem Titel „Vom Aufgehen des Lyrikers in seiner Kunst“ mit Bezügen zur mittelalterlichen Ikonographie und der Darstellung der Biene als Wappentier der Poesie eindrucksvoll erläutert. Ärgerlich ist jedoch, dass dieses vierstrophige Gedicht falsch als zusammenhängender Textblock gesetzt und zudem noch mit einer fehlerhaften Zeilenzählung versehen wurde.

Das einzige, was ich vermisst habe, sind nähere Angaben zu den Verfassern. Einige Aufsätze sind so brillant, dass ich neugierig auf den Autor bzw. die Autorin geworden bin. Man kann sich nur weitere Bände derartiger Qualität zu anderen Lyrikerinnen und Lyrikern wünschen.

Werbung: Christoph Jürgensen / Sonja Klimek (Hrsg.): Gedichte von Jan Wagner. Interpretationen. mentis Verlag, Münster 2017. 260 Seiten, broschiert. 29,80 €

„Fensterschau“ – Gedichtinterpretationen nordrhein-westfälischer Autorinnen und Autoren

FensterschauHurra, mein neues Buch ist da! Es enthält sechsundzwanzig Gedichte nordrhein-westfälischer Autorinnen und Autoren mit jeweils einer Interpretation von mir. Das Buch beginnt mit einem Gedicht von Heinrich Heine. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf der Lyrik der Gegenwart mit Texten von Durs Grünbein, Marcel Beyer, Christoph Wenzel, Barbara Köhler, Norbert Hummelt, Julia Trompter, Helmuth Opitz, Marion Poschmann und anderen. Der Band ist das Ergebnis jahrelanger, intensiver Beschäftigung mit deutschsprachiger Lyrik. 2001 erschien meine erste Interpretation in der von Marcel Reich-Ranicki herausgegebenen Frankfurter Anthologie. Weitere folgten dort sowie in den Zeitschriften neue deutsche literatur und Literatur im Unterricht. Seit 2013 moderiere ich im Niederrheinischen Literaturhaus Krefeld regelmäßig die Reihe „1 Gedicht und mehr“ mit zeitgenössischen Lyrikerinnen und Lyrikern. Aus dieser Arbeit sind allein zwölf Interpretationen hervorgegangen; hinzu kommen einige noch unveröffentlichte Lesarten.

Lyrik hat in den letzten Jahren einen enormen Aufschwung in der öffentlichen Wahrnehmung erfahren. Höhepunkt war 2015 die Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse für einen Gedichtband (Jan Wagner Regentonnenvariationen). In den Schulen und an den Universitäten ist die Auseinandersetzung mit moderner Lyrik ein Standardstoff. Schülerinnen und Schüler, Studierende, Lehrerinnen und Lehrer sowie viele interessierte Leserinnen und Leser wünschen sich einen Zugang zu moderner Lyrik. Der wird ihnen mit dem vorliegenden Buch geboten. Abseits von Lehrbüchern verdeutlicht es am konkreten Beispiel mögliche Lesarten und die Konstruktion der Gedichte.

Werbung: Henning Heske: Fensterschau. Gedichtinterpretationen nordrhein-westfälischer Autorinnen und Autoren. Edition Virgines, Düsseldorf 2018. 128 Seiten, gebunden. 19,90 €.

Logbuch Lyrik (12): Hellmuth Opitz erleuchtet den besonderen Moment

Mit beeindruckender Konstanz legt Hellmuth seit fünfunddreißig Jahren, seit seinem schmalen Erstling An unseren Lippengrenzen (1982), in schöner Unregelmäßigkeit von mal zwei, mal sechs Jahren einen neuen Gedichtband vor. Zu dieser Konstanz gehört auch, dass alle neun Bücher im Pendragon Verlag in Bielefeld erschienen sind. In der Stadt, in der Opitz  – man mag es kaum glauben – seit seiner Geburt lebt – mit einer kurzen Auszeit während seines Studiums der Germanistik und Philosophie in Münster. Opitz ist in dieser langen Zeit nicht nur seinem kleinen Verlag, sondern auch sich selbst treu geblieben. Den Grundton des Erstlingsbandes hat er beibehalten, hat darauf Melodien aufgebaut und neue Formen erkundet. Thematisch hat er im Lauf dieser kleinen Ewigkeit beinahe alle Situationen und Gegenstände unseres Alltags in poetisches Licht gesetzt.

Im Gegensatz zum Branchentrend verkaufen sich die Gedichtbände von Hellmuth Opitz gut. Das liegt auch darin begründet, dass er sich nicht zu fein ist, mit Lesungen quasi über die Dörfer zu tingeln. Und da seine Gedichte grundsätzlich eine leichte Zugänglichkeit besitzen, kommt er auch beim gemeinen Publikum an, das sich gut unterhalten weiß. Seine Wortspiele und sein Wortwitz, bei dem ihm möglicherweise sein Brotberuf als Geschäftsführer einer Werbeagentur zu Nutze kommt,  eignen sich in besonderer Weise zum Vortrag. Aber eben nicht nur dazu. Viele seiner Gedichte halten auch dem mikroskopischen Blick der Literaturkritik stand, da sie ganz sauber und häufig originell gearbeitet sind. Gleichwohl sind größere Literaturpreise bislang ausgeblieben.

Die Stärken von Opitz‘ Lyrik treten auch in seinem neuen Buch In diesen leuchtenden Bernsteinmomenten deutlich hervor. Dies gilt gleich für den Opener „Limonade“, der etwas eigentümlich gesetzt ist – vermutlich sollten die beiden Strophen die Form zweier Harztropfen darstellen: „Diese dickflüssigen Sommernachmittage, / in denen wir schwammen, / wenn wir vom Bolzen kamen, / die Kehlen verklebt vom Ascheplatz“. Das klingt zwar nach einem Parlandoton, der optisch durch korrekte Groß- und Kleinschreibung sowie Zeichensetzung unterstützt wird, er ist jedoch stark poetisch aufgeladen. Dies gelingt durch geschickte Zeilenumbrüche, die bedächtig Pausen setzen und Sinneinheiten betonen, sowie durch die Bildsprache und den typischen Opitzschen Wortwitz: „Jahrtausende später / wird man uns finden, / gefangen in solchen / Bernsteinmomenten, / winzige Einschlüsse: du, ich, / deine Mutter und der Durst, / den nie ein Getränk zu löschen / vermochte.“ Damit ist sogleich auch der Titel des Bandes erklärt.

Hellmuth Opitz probiert viele verschiedene Formen aus. Es gibt Gedichte mit Langzeilen, einige mit Kurzzeilen, häufig Strophen, aber auch kompakte Textblöcke, gelegentlich Reime. Das macht den Band abwechslungsreich. Natürlich bleibt es bei 86 Gedichten nicht aus, dass darunter auch schwächere Texte sind, wie zum Beispiel „Komm, sei einmal noch Winter“, wo der Endreim allzu bemüht gesucht wird. Oder auch „Bruchstaben“, in dem die Grundidee nicht trägt. Einige Gedichte arbeiten sich zudem allzu sehr an vorgegebenen Themen ab, der Zyklus „Immer in feinstes Trommelfell gehüllt“ über ein Musikfestival etwa oder die neun „Gedichte vom Betteln“. Das sind durchaus gekonnt gearbeitete Texte, aber sie verströmen nicht den poetischen Zauber und die Eindringlichkeit, welche die Lyrik von Hellmuth Opitz über die Jahre ausgezeichnet haben. Das erinnert gelegentlich an Robert Gernhardt, der allerdings auch lange verkannt wurde. Zudem verwendet Opitz mehrfach die Pointensetzung in der letzten Zeile – so in „Die Himmelfahrt bei Herford“ – , was als Stilmittel in postmoderner Lyrik eigentlich verpönt ist. Oft aber übertüncht ein originelles Wortspiel diese kleineren Schwächen: „Wir waren so leise / wie möglich mit den Händen am Beckenrand / des jeweils andern.“

Ganz bei sich und seinen Stärken ist Opitz in Texten wie „Im Verirren bin ich zuhause“ oder auch in „Beschädigte Ware“, die sehr berühren: „Mit dunkelblauer Tinte umschreibt dein Kleid / ein Manifest, das mit dem Satz endet: Eleganz / ist eine Frage der Haltung. Auch der Zurückhaltung.“ Vielleicht wären etwas weniger Texte in dieser Auswahl mehr gewesen. Denn es ist Zeit, Hellmuth Opitz als Meister der Poesie des Alltags für sein bisheriges Lebenswerk mit einem größeren Literaturpreis auszuzeichnen.

WERBUNG: Hellmuth Opitz: In diesen leuchtenden Bernsteinmomenten. Gedichte. Pendragon Verlag, Bielfeld 2017. 128 Seiten, Klappenbroschur. 15, – €.