„Das russische Duell“ – Felix Philipp Ingold nimmt ein altes Ritual der Konfliktbewältigung ins Visier

csm_9783862530700_ef35fb2d6cDer 1942 in Basel geborene Dichter, Übersetzer und emeritierte Professor Felix Philipp Ingold ist einer der profundesten deutschsprachigen Kenner der russischen Kulturgeschichte und Literatur. Diese Exzellenz belegt er einmal mehr mit seinem neusten Buch, in dem er dem Ritual des Duells in Russland nachspürt. Das russische Duell, das man nicht mit dem russischen Roulette verwechseln sollte, ist eine kulturspezifische Variante des Duells, wie es auch in anderen europäischen Ländern seit dem 15. Jahrhundert in unterschiedlichen Ausprägungen, vornehmlich unter Angehörigen des Adels, praktiziert wurde. Im russischen Zarenreich kam das Duell erst relativ spät, nach der Öffnung gen Westen unter Peter I., auf. Trotz des Verbots durch den Zar, der berechtigterweise eine erheblich Dezimierung seiner Führungsschicht befürchtete, hielt sich diese martialische Form der Konfliktbewältigung bis zum Ende des russischen Kaiserreichs 1917.

Ingold interessiert sich so eingehend für dieses Thema, zu dem er nun die erste deutschsprachige Gesamtdarstellung vorlegt, „weil das Duell ja tatsächlich eine existenzielle humane Grundkonstellation und zudem einen elementaren wie auch psychischen Mechanismus modellhaft veranschaulicht, nämlich die von Aktion und Reaktion – zwischen bewegten Körpern.“ Dieses Ritual der Satisfaktion wird in all seinen Details, von der Anzahl der Schritte bis zum Gebrauch der Schusswaffe, sowie seiner Varianten ausführlich im historischen Kontext erläutert. Zahlreiche Dokumente, die teilweise abgebildet werden, verdeutlichen die intensive Recherche, die diesem bemerkenswerten Buch zu Grund liegt.

Einen großen Stellenwert räumt Ingold Duellen von Schriftstellern und der Darstellung von Duellen in der Literatur ein. Nicht zuletzt auch deshalb, weil der große Dichter Alexander Puschkin bereits mit 37 Jahren durch ein Duell starb, nachdem er zuvor bereits zwanzig dieser grausamen Auseinandersetzungen überlebt hatte. Ingolds Kulturgeschichte des Duells endet auf Seite 196 des voluminösen Bandes. Die folgenden gut 230 Seiten dienen lediglich dem Abdruck von Texten und Dokumenten. Neben zahlreichen literarischen Texten sind dies auch Auszüge aus Prozessakten, Gesetze und Kommentare. Vermutlich hätte ein Band ohne diesen Materialanhang und mit einem deutlich günstigeren Preis deutlich mehr Leser gefunden. Im Sinne der Sache ist es aber gut, dass beides zusammen ist. So hat Felix Philipp Ingold hundert Jahre nach seinem Verschwinden aufgrund eines tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels ein höchst fundiertes Werk über ein altes Ritual verfasst, dass den Lesern aus Filmen und Romanen nur in groben Umrissen geläufig sein dürfte.

Felix Philipp Ingold: Das russische Duell. Kultur- und Sozialgeschichte eines alten Rituals. Konstanz University Press, Paderborn 2016. 438 Seiten, gebunden. 39,90 €

„Valdivia“ – Rudi Palla taucht ab in die Geschichte der ersten deutschen Tiefsee-Expedition

9783869711249_5Galiani Berlin ist ein Verlag für besondere Bücher. Fernab von Mainstream und E-Book Subkultur präsentiert er regelmäßig echte Bücher, die man heutzutage fast schon als kleine Kunstwerke bezeichnen muss. Sorgfältig editiert und kreativ layoutet enthält das vorliegende Buch den Druck einer Karte auf dem Vorsatzpapier, zahlreiche Schwarz-Weiss-Grafiken, eine sehr professionell zweiseitig gedruckt, Fotos und eindrucksvollen vierfarbigen Abbildungen (unter anderem von Ernst Haeckel) auf einem speziellen Papier so wie früher die Farbtafeln in den Folianten. Das Thema dieses Bandes ist ein wissenschaftshistorisches Fundstück: die Geschichte der ersten deutschen Tiefsee-Expedition, die vom 1. August 1898 bis zum 1. Mai 1899 stattfand.

Der Verfasser Rudi Palla ist bekannt für sonderliche Bücher, wie seine letzten Titel belegen: Unter Bäumen (2006), Kurz Lebensläufe der Narren (2008) und Der Kapitän und der Künstler. Die Erforschung der Terra Australis (2013). Es ist höchst interessant zu lesen, wie viel Eigeninitiative, Mut und Forschergeist notwendig waren, um diese Pionierleistung deutscher Meeresbiologie am Ende der 19. Jahrhunderts zu vollbringen. Und man ist beeindruckt, mit welcher Selbstverständlichkeit die Besatzung der Valdivia allen Widrigkeiten von Krankheiten, über Versorgung, technische Probleme und politische Verhältnisse, trotzte.

Der Erfolg dieser neunmonatiger Expedition war bemerkenswert: die Ausbeute an gefangenen Tieren, darunter zahlreiche neue Arten, und Unmengen von Messergebnissen über Meerestiefe, Temperatur und klimatische Verhältnisse. Insbesondere der Zusammenhang zwischen der Fauna in höheren und tiefen Schichten wurde erstmals systematisch untersucht. Es dauerte viele Jahre bis die Ergebnisse wissenschaftlich aufbereitet und publiziert wurden. Sie dienen teilweise heute noch als Grundlage der aktuellen Tiefseeforschung.

Leider kann die textliche Darstellung dieser spannenden Geschichte nicht überzeugen. Ich hätte mir einen zusammenhängenden Text aus der Perspektive von heute gewünscht, der neuste Erkenntnisse mit einbezieht. Stattdessen ist das Buch additiv in mehrere Abschnitte gegliedert, die sich kaum aufeinander beziehen. Nach einem Prolog mit einem Rückbezug auf Jules Vernes 20 000 Meilen unter den Meeren folgt ein Einschub zu den Flottenphantasien von Kaiser Wilhelm II., dann ein biographischer Abschnitt über den Initiator und Leiter der Expedition, Carl Chun, dann ein Bericht über einen Vortrag von Chun. E schließt sich eine Beschreibung des Schraubendampfers, seiner Besatzung und der Ausrüstung an. Erst auf Seite 87 beginnt dann die Schilderung der Reise. Und diese zitiert seitenlang aus dem Reisewerk von Chun selbst, das dieser 1903 über die Expedition veröffentlichte, oder paraphrasiert es. Nur gelegentlich gibt es Kommentare von Palla, etwa zur Kolonialgeschichte, oder kleine sachliche Korrekturen, zum Beispiel zum angeblich dreitausend Jahre alten Drachenbaum auf Teneriffa. Doch hätte man sich statt des Hinweises „was natürlich nicht stimmt“ hier eine präzisere Angabe gewünscht. Es stört  zudem, dass sich Palla bei seinen Ausführungen den altbackenen, adjektivreichen Stil von Chun zu eigen macht: „Nach stürmischen Tagen, in denen das Schiff heftig rollte … Aufgeregt stürmten die an Deck Anwesenden auf die Back. Rasch versah Navigator Sache …“.

Versöhnlicherweise gibt es noch einen Epilog aus heutiger Sicht – mit dem bemüht originellen Titel „Geht Poseidons Reich unter?“. Hier erfährt man auch, was aus den Protagonisten der Reise geworden ist. Aber wie gesagt, eine Verflechtung dieser einzelnen Abschnitte wäre für den Lesefluss und den Aufbau eines höheren Spannungsbogen günstiger gewesen. So führt der Umschlagtext von Frank Schätzing in die Irre. Denn spannend wie ein Krimi geriert sich das Buch nicht. Und trotzdem ist es kaufenswert.

Rudi Palla: Valdivia. Die Geschichte der ersten deutschen Tiefsee-Expedition. Galiani Verlag, Berlin 2016. 224 Seiten, gebunden. 28,- €

„Sehnsuchtsfels Mallorca“ – ein persönliches Inselporträt von Anja Doehring und Charlotte Kerner

IMG_1590 In diesem Jahr werden über 16 Millionen Touristen auf Mallorca erwartet. Etwa ein Drittel stammt aus Deutschland. Die deutschsprachigen Besucher stellen damit eine höchst relevante Zielgruppe für Reiseliteratur dar.

Ein exklusiver Reiseführer der anderen Art ist der chic aufgemachte Band „Sehnsuchtsfels Mallorca“. Ausgangspunkt der Gemeinschaftsproduktion zweier kreativer Frauen sind die Fotos von Anja Doehring, oft ganzseitig, teilweise sogar doppelseitig und fast alle in Schwarz-Weiß. Der Text stammt von der renommierten Schriftstellerin Charlotte Kerner, deren Roman „Blue print“ (1999) noch heute Schullektüre ist. Kerner besitzt seit fünfzehn Jahren ein Haus auf der Deutschen liebsten Insel, genau gesagt in Pollenca im Norden.

So schön der Band auch ist und so interessant die Informationen, die ihren Schwerpunkt auf Kunst und Kultur legen, so unentschieden bleibt das Buch in seiner Konzeption. Es ist einerseits ein formidabler Bildband, doch da vermisst man die farbigen Fotographien, die das besondere Licht und die Farben von Mallorca abbilden. Die Schwarz-Weiß-Bilder wirken in diesem Format nicht so recht. Erst in der Ausstellung, die Anja Doehring in diesem Sommer in der Kunsthalle St. Annen in Lübeck gestaltet, werden sie ihre ganze Wirkung entfalten. Als Reiseführer wiederum ist das Buch zu speziell und vor allem zu unhandlich. So gern ich es gelesen habe, ich werde es daher nicht mit auf meine nächste Reise auf die Baleareninsel nehmen. Lediglich ein paar Notizen zu ausgesuchten Orten, die das Buch am Ende in einer Karte übersichtlichen zusammenfasst, passen ins Gepäck. Allen kulturinteressierten Mallorcareisenden, die abseits der Touristenwege die Insel erkunden wollen, sei dieser schön gestaltete Band vor der Abreise als Fundgrube empfohlen. Nachher ist er eher nicht zu lesen. Die Gefahr ist groß sich zu ärgern, weil man einen besonders spannenden Ort dieser wunderbaren Insel verpasst hat.

Anja Doehring (Fotos), Charlotte Kerner (Text): Sehnsuchtsfels Mallorca. Porträt einer Insel. Wasmuth Verlag, Tübingen 2016. 160 Seiten, gebunden. 34,00 €.

Kerstin Hensel spielt in ihren neuen Gedichten „Schleuderfigur“

9783630874999_Cover„Wer an diesem Spiel teilnimmt, wird aus den gewöhnlichen Bahnen seines Lebens herausgerissen und überwältigenden Gefühlen, die aus Gesellschaftsverlust, Liebe oder Tod entstehen, unterworfen.“ Das klingt dramatisch. Der Satz steht auf der Rückseite des Schutzumschlags des neuen Gedichtbandes von Kerstin Hensel. Ich halte ihn für maßlos übertrieben. Das Spiel, um das es geht, ist nämlich ein Kinderspiel, das „Schleuderfigur“ genannt wird und als Titel dieses Lyrikbandes auserkoren wurde. Bei diesem Spiel, das wir früher auch gespielt haben, drehen sich zwei Kinder, die sich mit überkreuzten Armen an den Händen halten, wie ein Karussell, bis der innere Spieler loslässt und den äußeren Spieler herausschleudert. Dieser bleibt dann in einer ausdrucksstarken Stellung als Figur stehen, deren Bedeutung die anderen Kinder erraten müssen. Es fällt sehr schwer, die Gedichte unter dem oben genannten Anspruch zu deuten. Genau betrachtet bezieht sich der Begriff „Schleuderfigur“ auch nur auf einen der fünf Abschnitte, in die das Buch gegliedert ist. Im Titel gebenden Gedicht werden Kindheitserinnerungen heraufbeschworen: „Der Samstagabend schickt mich zum Kobold der / Kugelt über die Staatsmattscheibe Alles / Verwandelt sich // Die Samstagnacht macht sich zum Jäger Morgen / Wird mich ein anderes treffen“. Die Staatsmattscheibe verweist auf das DDR-Fernsehen. Kerstin Hensel wurde 1961 in Karl-Marx-Stadt geboren und studierte am Institut für Literatur in Leipzig. In der Regel arbeitet Hensel ohne Punktsetzung, deutet jedoch eine neue Sinneinheit durch Großschreibung an. Typisch sind auch die Zeilensprünge. Lässt man das überzogene Marketing als selbst gesetzten Maßstab außer Acht, so kommt ein sehr gekonnter Lyrikband zum Vorschein, der vor allem durch seine Formenvielfalt und die Rhythmik der Gedichte besticht. Er wäre noch überzeugender, hätte Kerstin Hensel, ihres Zeichens Professorin für Deutsche Verssprache an der Hochschule für Schauspielkunst in Berlin, oder ihr Lektor auf einige einfachere Gedichte verzichtet, wie den laut Widmung eher privaten Text „Das Dorellenquartett“, auch wenn dieser auf Schuberts „Forellenquintett“ anspielt. Er besteht doch nur aus simplen Paarreimen und dem Wortspiel im Titel. Kostprobe: „Die Panke durchwommen / Vom Koch ausgenommen / Gefüllt und gebraten / Serviert als Doraden.“ Andererseits wird der relativ umfangreiche Gedichtband mit rund 100 Texten auf diese Weise mit Witz aufgelockert.

Kinderspiele, -reime und -lieder bilden ein Leitmotiv, das immer wieder eingestreut auftaucht: „Der Goldfisch ruft aus der Katze / Den Schilfkolbenkönig zu Hilfe / Der reitet zu spät / Übern See übern See“. Goethes Erlkönig lässt auch noch grüßen. Ein Anhang erläutert einige Begriffe und gibt Hinweise auf die Dichterkolleginnen und -kollegen, auf die sich Kerstin Hensel bezieht, wie in „Der Müggelsee“, wo sie Bezug zum gleichnamigen Gedicht von Volker Braun nimmt. Mit diesem Spielbein der Intertextualität bewegt sich Hensel gelegentlich weit zurück, bis zur griechischen Dichterin Sappho, die im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung lebte. Es ist überraschend, wie viele Wie-Vergleiche Hensel verwendet, die Benn vor sechzig Jahren doch als Kennzeichen von schlechter Lyrik angeprangert hatte: „Einen Hund der kaut daran / Wie an trockenen Pansen.“ oder „Schön / Wie nichts im Leben“.

Stark dagegen ist der Einbezug der Natur durch unverbrauchte Wortspiele und poetische Abwandlungen von Redewendungen:“Moränen verladen den Sand / Und den Kies und den Schluff und nehmen sich Zeit“. Auch die verwendeten Tiermotive wirken nicht antiquiert, sondern sind in diesen zeitgemäßen Gedichten geschickt eingeflochten. Doch wegen der thematischen und formalen Vielfalt bleibt Hensels Gedichtband eher eine Sammlung von neuen Texten als ein konzeptioneller Band mit moderner Lyrik, wie ihn beispielsweise kürzlich Marion Poschmann vorgelegt hat. So endet meine Lesereise mit Genius wie im Buch: „Ich schaue aus dem Fenster / Das Land ist kein Gedicht / Schon fährt mein Glück gebremster / Und nichts reimt sich auf mich.“

Kerstin Hensel: Schleuderfigur. Gedichte. Luchterhand Literaturverlag, München 2016. 136 Seiten, gebunden. 17,99 €

 

Stefan Bollmann unterbreitet geistreiche Lebenshilfe mit Goethe

9783421046802_CoverIch habe lange über den Buchtitel nachgedacht. Ob er passend ist oder gar selbst sinnlos. Allein damit hat er wohl seinen Zweck erfüllt. Denn natürlich ist ein Leben ohne Goethe nicht sinnlos. Stefan Bollmann zeigt vielmehr, wie man sein Leben auf der Grundlage von Goethes Leben und Werk reichhaltiger und eventuell glücklicher gestalten kann. Insofern müsste der Buchtitel eher lauten: Was wir von Goethe für unser Leben lernen können.

Der promovierte Germanist Stefan Bollmann, der bislang vor allem mit verschiedenen Büchern über Frauen, die lesen, Erfolg hatte, erweist sich im vorliegenden Band als profunder Goethekenner. Kenntnisreich zitiert er immer wieder an geeigneter Stelle aus Goethes Romanen, vornehmlich natürlich aus Die Leiden des jungen Werthers und Die Wahlverwandtschaften, aus seinen Theaterstücken, Gedichten und Briefen. Die Grundlage für diese unkonventionelle Besichtigung von Goethes Leben bildet die mit zahlreichen Beispielen belegte These, dass Goethe Architekt seines eigenen Lebens war: „Goethe ist ein Pionier des eigenen Lebens, der erste und bemerkenswerteste, den Deutschland hervorgebracht hat.“ Dabei streitet Goethe für ein tätiges Leben und zeigt zugleich, „dass es zwar kein Recht auf Glück gibt und Glück ohne Unglück nicht zu haben ist.“ Bollmann lädt uns zu acht Spaziergängen durch Goethes Leben ein, das er als Parklandschaft vor uns ausbreitet (eine entsprechende Karte ist auf das Vorsatzpapier gedruckt). Darin befinden sich unter anderem Werthers Grab, der Pfad der Kreativität, die Chemie der Leidenschaft, der Wandering Spirit und ganz wesentlich der Stein des guten Glücks, den man heute noch in Goethes Gartenhaus an der Ilm bewundern kann.

Man muss allerdings einwenden, dass Goethe selbst auch ein großer Egomane war, sodass es zumindest fragwürdig bleibt, inwieweit er tatsächlich als Vorbild taugt. Aber wenn Goethe seine erste und vielleicht einzige wahre, große Liebe Lilli Schönemann, mit der er sich 1775 in Frankfurt am Main verlobt, sitzen lässt, um sich als Künstler in Weimar zu verwirklichen, so ist das bezogen auf ein selbstbestimmtes Leben immerhin konsequent.

Das alles wird von Stefan Bollmann sehr kurzweilig aufbereitet. Obwohl man viel über Goethes Leben erfährt, ist das Buch ist keine Biographie. Obwohl viele kluge Ratschläge unterbreitet und begründet werden, ist es auch kein Lebenshilfebuch im einschlägigen Sinne. Es ist eine geistreiche und unterhaltsame Mischung aus beidem.

Stefan Bollmann: Warum ein Leben ohne Goethe sinnlos ist. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2016. 284 Seiten, gebunden. 19,99 €

Fulminante „Fußballkritik“ – Das Beste aus 20 Jahren „Der Tödliche Pass“

9783730702550_cover_0 Im Mai 1999, also vor siebzehn Jahren, erhielt ich vom Verlag Die Werkstatt ein bestelltes Rezensionsexemplar: Legenden in Weiß und Blau von Hardy Grüne und Claus Melchior über den TSV 1860 München, meinen Lieblingsverein der 60er Jahre. Zum ersten Mal hatte ich ein Fußballbuch für eine Besprechung angefordert. Leider muss ich gestehen, dass ich diese Buchkritik nie verfasst habe. Aber hinten im Buch entdeckte ich ein Anzeige: „Wenn Sie wissen wollen, warum Jean Baudrillard die Rückennummer 3 trägt: Der tödliche Paß, die Zeitschrift zur näheren Betrachtung des Fußballspiels, sagt es Ihnen! Wer kritische, satirische, philosophische und jeden Falls ungewöhnliche Betrachtungen zum runden Leder sucht- diese Vierteljahresschrift hat sie. Andere spielen Fußball – wir denken drüber nach!“

Das klang aufregend. Gab es wirklich eine Zeitschrift, die sich intellektuell mit dem Fußball auseinandersetzte? Ich verlangte nach einem Probeheft, war begeistert und abonnierte das Magazin. Im Oktober 2003 war es dann soweit. In Heft 33 erschien mein erster eigener Beitrag unter dem Titel „Ein begrenztes Feld. Über Zusammenhänge von Fußball, Politik und Literatur in den 90ern“. Einige Jahre später schrieb ich dann regelmäßig eine Kolumne über das Leben mit Fortuna Düsseldorf. Nachdem daraus mehrere Bücher entstanden waren, beschränkte ich mich bis heute auf gelegentliche Einwürfe und Rezensionen von Fußballbüchern. Abonnent bin ich geblieben.Aus den A5-Heften ist längst eine veritable Schwarz-Weiß-Zeitschrift im A4-Format geworden. 2006 konnte man diese auch im Bahnhofsbuchhandel erwerben. Doch das rentierte sich leider nicht, sodass die Hefte wieder fast ausschließlich im Abo bezogen werde müssen.

Im letzten Jahr feierte das Magazin, das immer noch von den drei Gründungsvätern Stefan Erhardt, Johannes John und Claus Melchior herausgegeben wird, sein 20jähriges Jubiläum und das Erscheinen von Heft 80. Die höchst verdiente Festschrift dazu ist nun im Verlag Die Werkstatt erschienen. Das Beste aus 20 Jahren! 47 Beiträge aus 80 Heften von zwölf Autorinnen und Autoren. Dazu eine Einleitung von Stefan Erhardt und ein Nachwort von Jürgen Roth.

Die drei Herausgeber haben sich als Leitfaden für die Textauswahl auf das Thema „Fußballkritik“ geeinigt. Und es ist überraschend zu sehen, wie aktuell viele dieser teils heiteren, teils sehr bissigen Beiträge heute noch sind. Das gilt sowohl für die zahlreichen sprachsensiblen Artikel als auch für die Erörterung von Regeländerungen und vor allem für die Kritik an der fortschreitenden Kommerzialisierung des Fußballs. Nur selten wird dabei die Vereinsbrille aufgesetzt, nie die rosarote, sondern fast immer die mit der geschärften Weitsichtigkeit.

Was ich nach all den Jahren allerdings immer noch nicht weiß: Warum eigentlich trägt  Jean Baudrillard die Rückennummer 3? Leider findet sich der Artikel, der darüber Auskunft gibt, nicht im Auswahlband. Da auch keiner meiner Beiträge aufgenommen wurde, ist das Anlass genug ein zweites Buch zu fordern – mit dem Schwerpunkt auf den Zusammenhängen zwischen Fußball und Literatur. Vorher gilt es allerdings diesen ersten Band mit seiner kritischen Spielfreude mindestens neunzig Minuten plus Nachspielzeit vollumfänglich zu genießen.

Stefan Erhardt (Hrsg.): Fußballkritik. Das Beste aus 20 Jahren DER TöDLICHE PASS. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2016. 224 Seiten, Paperpack. 14,90 €

Oliver Hilmes entfaltet die olympischen Tage im nationalsozialistischen Berlin 1936

9783827500595_CoverVor genau 80 Jahren fanden in Berlin die 11. Olympischen Sommerspiele der Neuzeit statt.Das ist weithin bekannt. Anlässlich der diesjährigen Olympiade in Rio de Janeiro und des runden Jahrestages lässt Oliver Hilmes diese sechszehn Tage im August 1936 noch einmal Revue passieren. Dieser Rückblick lohnt, denn er zeigt uns etwas Außerordentliches, nämlich wie sich Nazi-Deutschland ungeachtet seiner Kriegsvorbereitungen perfide als weltoffener Gastgeber einer Veranstaltung gebärdet, die vor allem der Völkerverständigung dienen soll.

Berlin war bereits 1916 als Olympiastadt auserkoren worden, doch fielen seinerzeit die Spiele wegen es Ersten Weltkriegs aus. Die Nationalsozialisten, erst seit drei Jahren an der Macht, nutzten die Gelegenheit für eine breit angelegte Propagandaschau eines modernen Deutschlands. Hilmes zeigt uns, wie zeitgleich zu den Olympischen Spielen, die in aller Welt ohne großen Argwohn verfolgt wurden, Hitler unter unmenschlichen Bedingungen das unmenschliche Konzentrationslager Sachsenhausen bauen lässt und beispielsweise die Reisegesellschaft Union mit einem Kreuzfahrschiff im spanischen Cádiz anlegt. Hinter dieser ominösen Reisegruppe samt ihrer schweren Gepäckladung verbirgt sich niemand anderes als die Legion Condor, die ihren Einsatz im spanischen Bürgerkrieg auf der Seite Francos vorbereitet. Natürlich werden sie auf Hitlers ausdrücklichen Befehl erst ins Geschehen eingreifen, wenn die Olympischen Spiele in Berlin friedlich zu Ende gegangen sind.

Die Bars und Cafés auf dem Kurfürstendamm sind überfüllt, täglich gibt es große Galaveranstaltungen, jeder von Hitlers Paladinen veranstaltet an einem anderen Abend einen pompösen Empfang für mehrere hundert ausländische Gäste und Prominente mit bestem Essen und ansprechendem Unterhaltungsprogamm. Das Nachtleben in Berlin boomt, vor allem in so exotischen und angesagten Etablissements wie der Ciro-Ba, dem Sherbini oder dem Quartier Latin. Jazz und Swing klingen durch die Großstadtnacht. Von den Nationalsozialisten geduldet. Noch. Für lange Zeit zeigt sich die Hauptstadt des Deutschen Reiches ein letztes Mal als weltoffene Kulturmetropole. Im Hintergrund bereiten die Nazi-Schergen der Gestapo bereits die Verhaftung der jüdischen Bar- und Restaurantbesitzer, das Verbot von so genannter „Negermusik“ und die Schließung der entsprechenden Lokale vor.

Ähnlich wie in dem Erfolgsbuch „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ (2012) von Florian Illies präsentiert der promovierte Historiker Oliver Hilmes, der bereits durch mehrere Biographien (Cosima Wagner, Ludwig II. u.a.) auf sich aufmerksam machte, nach Tagen gegliedert ein buntes Kaleidoskop von einzelnen Geschichten, Tagesmeldungen und Erinnerungen, die sich zu einem intensiven Gesamteindruck verdichten. Die Regisseurin Leni Riefenstahl spielt dabei ebenso ein Rolle, wie der dunkelhäutige, vierfache Goldmedaillengewinner Jesse Owens, der amerikanische Schriftsteller Thomas Wolfe und immer wieder die Tagebucheinträge von Joseph Goebbels. Hilmes hat dazu vielfältigstes Material gesichtet. Eine schöne Idee ist zudem, es nicht bei der Darstellung der sechzehn Tage zu lassen, sondern noch ein Kapitel „Was wurde aus …?“ nachzuschieben. Dadurch wird die Neugier gestillt, was aus einzelnen Personen nach der Olympiade geworden ist. Abgerundet wird das Ganze durch ein ausführliches Quellenverzeichnis, das es ermöglicht, einzelnen Spuren weiter nachzugehen.

Oliver Hilmes: Berlin 1936. Sechzehn Tage im August. Siedler Verlag, München 2016. 304 Seiten, gebunden. 19,99 €