Logbuch Lyrik (12): Hellmuth Opitz erleuchtet den besonderen Moment

Mit beeindruckender Konstanz legt Hellmuth seit fünfunddreißig Jahren, seit seinem schmalen Erstling An unseren Lippengrenzen (1982), in schöner Unregelmäßigkeit von mal zwei, mal sechs Jahren einen neuen Gedichtband vor. Zu dieser Konstanz gehört auch, dass alle neun Bücher im Pendragon Verlag in Bielefeld erschienen sind. In der Stadt, in der Opitz  – man mag es kaum glauben – seit seiner Geburt lebt – mit einer kurzen Auszeit während seines Studiums der Germanistik und Philosophie in Münster. Opitz ist in dieser langen Zeit nicht nur seinem kleinen Verlag, sondern auch sich selbst treu geblieben. Den Grundton des Erstlingsbandes hat er beibehalten, hat darauf Melodien aufgebaut und neue Formen erkundet. Thematisch hat er im Lauf dieser kleinen Ewigkeit beinahe alle Situationen und Gegenstände unseres Alltags in poetisches Licht gesetzt.

Im Gegensatz zum Branchentrend verkaufen sich die Gedichtbände von Hellmuth Opitz gut. Das liegt auch darin begründet, dass er sich nicht zu fein ist, mit Lesungen quasi über die Dörfer zu tingeln. Und da seine Gedichte grundsätzlich eine leichte Zugänglichkeit besitzen, kommt er auch beim gemeinen Publikum an, das sich gut unterhalten weiß. Seine Wortspiele und sein Wortwitz, bei dem ihm möglicherweise sein Brotberuf als Geschäftsführer einer Werbeagentur zu Nutze kommt,  eignen sich in besonderer Weise zum Vortrag. Aber eben nicht nur dazu. Viele seiner Gedichte halten auch dem mikroskopischen Blick der Literaturkritik stand, da sie ganz sauber und häufig originell gearbeitet sind. Gleichwohl sind größere Literaturpreise bislang ausgeblieben.

Die Stärken von Opitz‘ Lyrik treten auch in seinem neuen Buch In diesen leuchtenden Bernsteinmomenten deutlich hervor. Dies gilt gleich für den Opener „Limonade“, der etwas eigentümlich gesetzt ist – vermutlich sollten die beiden Strophen die Form zweier Harztropfen darstellen: „Diese dickflüssigen Sommernachmittage, / in denen wir schwammen, / wenn wir vom Bolzen kamen, / die Kehlen verklebt vom Ascheplatz“. Das klingt zwar nach einem Parlandoton, der optisch durch korrekte Groß- und Kleinschreibung sowie Zeichensetzung unterstützt wird, er ist jedoch stark poetisch aufgeladen. Dies gelingt durch geschickte Zeilenumbrüche, die bedächtig Pausen setzen und Sinneinheiten betonen, sowie durch die Bildsprache und den typischen Opitzschen Wortwitz: „Jahrtausende später / wird man uns finden, / gefangen in solchen / Bernsteinmomenten, / winzige Einschlüsse: du, ich, / deine Mutter und der Durst, / den nie ein Getränk zu löschen / vermochte.“ Damit ist sogleich auch der Titel des Bandes erklärt.

Hellmuth Opitz probiert viele verschiedene Formen aus. Es gibt Gedichte mit Langzeilen, einige mit Kurzzeilen, häufig Strophen, aber auch kompakte Textblöcke, gelegentlich Reime. Das macht den Band abwechslungsreich. Natürlich bleibt es bei 86 Gedichten nicht aus, dass darunter auch schwächere Texte sind, wie zum Beispiel „Komm, sei einmal noch Winter“, wo der Endreim allzu bemüht gesucht wird. Oder auch „Bruchstaben“, in dem die Grundidee nicht trägt. Einige Gedichte arbeiten sich zudem allzu sehr an vorgegebenen Themen ab, der Zyklus „Immer in feinstes Trommelfell gehüllt“ über ein Musikfestival etwa oder die neun „Gedichte vom Betteln“. Das sind durchaus gekonnt gearbeitete Texte, aber sie verströmen nicht den poetischen Zauber und die Eindringlichkeit, welche die Lyrik von Hellmuth Opitz über die Jahre ausgezeichnet haben. Das erinnert gelegentlich an Robert Gernhardt, der allerdings auch lange verkannt wurde. Zudem verwendet Opitz mehrfach die Pointensetzung in der letzten Zeile – so in „Die Himmelfahrt bei Herford“ – , was als Stilmittel in postmoderner Lyrik eigentlich verpönt ist. Oft aber übertüncht ein originelles Wortspiel diese kleineren Schwächen: „Wir waren so leise / wie möglich mit den Händen am Beckenrand / des jeweils andern.“

Ganz bei sich und seinen Stärken ist Opitz in Texten wie „Im Verirren bin ich zuhause“ oder auch in „Beschädigte Ware“, die sehr berühren: „Mit dunkelblauer Tinte umschreibt dein Kleid / ein Manifest, das mit dem Satz endet: Eleganz / ist eine Frage der Haltung. Auch der Zurückhaltung.“ Vielleicht wären etwas weniger Texte in dieser Auswahl mehr gewesen. Denn es ist Zeit, Hellmuth Opitz als Meister der Poesie des Alltags für sein bisheriges Lebenswerk mit einem größeren Literaturpreis auszuzeichnen.

WERBUNG: Hellmuth Opitz: In diesen leuchtenden Bernsteinmomenten. Gedichte. Pendragon Verlag, Bielfeld 2017. 128 Seiten, Klappenbroschur. 15, – €.

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Hartwig Mauritz ist mein nächster Gast in der Reihe „1 Gedicht“

3d-waelderkommenaufunszuMein nächster Gast in der Reihe „1 Gedicht“ des Niederrheinischen Literaturhauses Krefeld  ist der Lyriker Hartwig Mauritz. Am Dienstag, dem 21. November, um 20 Uhr wird er an der Gutenbergstraße 21 Beispiele seines bisherigen lyrischen Schaffens lesen und mit mir – und natürlich dem Publikum – näher betrachten. Ich werde wie immer eine Interpretation eines Gedichts vorstellen, das exemplarisch für das lyrische Schaffen meines Gastes steht.

Hartwig Mauritz wurde 1964 in Eckernförde geboren. Er lebt und arbeitet seit vielen Jahren im Aachener Dreiländereck. Mauritz veröffentlichte bislang vier Gedichtbände, zuletzt „wälder kommen auf uns zu“ (2017). Seine Gedichte verknüpfen sehr gekonnt naturwissenschaftliche Bereiche mit persönlichen Bezügen. Herauszuheben sind zudem seine poetischen Darstellungen historischer Begebenheiten. Dabei gelingen ihm durch geschickte Verschiebungen von Sinnebenen eindrucksvolle lyrische Texte.

Die Reihe „1 Gedicht“ des Niederrheinischen Literaturhauses Krefeld wurde 2013 eingeführt und wird 2017 erneut von der Kunststiftung NRW gefördert.  Förderschwerpunkt der Kunststiftung NRW für die Sparte Literatur ist, Autorinnen und Autoren in ihrer künstlerischen Produktion zu stärken. Neben Autorenstipendien, der Herausgabe von Werkeditionen und Anthologien geschieht dies durch die Förderung von besonderen literarischen Vorhaben, Lesereihen und Literaturfestivals mit dem Ziel, die Vielfalt des Poetischen vor Ort sichtbar zu machen und über die Grenzen des Landes hinaus zu tragen.

Das Format „1 Gedicht“ will den Zugang zur Gegenwartslyrik eröffnen und zeigen, dass es sich lohnt, Lyrik intensiv zu lesen. Gedichte als inhaltlich stark verdichtete Textart verlangen Lesern in einem erheblich höheren Maß als Prosa Aufmerksamkeit, Lesekompetenz und Einfühlungsvermögen ab. Sie eröffnen eine breitere Palette an Interpretationsmöglichkeiten. Die Reihe will im Diskurs mit dem Publikum Hilfestellung beim Lesen sowie Anregungen zum Interpretieren geben und damit zeigen, dass Lyrik gerade in unserer schnelllebigen Zeit mehr Aufmerksamkeit verdient.

Werbung: Hartwig Mauritz: wälder kommen auf uns zu. Gedichte Rimbaud Verlag, Aachen 2017. 68 Seiten, Klappenbroschur. 15,- €

Volker Kutscher erzählt eine Vorgeschichte zu seiner als „Babylon Berlin“ verfilmten Krimiserie

moabitHeute startet die mit großer Spannung erwartete Fernsehserie Babylon Berlin, die auf den Kriminalromanen von Volker Kutscher beruht. Wird es endlich die erste deutsche Serie von Weltformat? Die ersten Einblicke, die man geboten bekam, eröffnen ein sehr vielversprechendes, eindringlich inszeniertes Panorama. Die beiden abgedrehten Staffeln sind eine Adaption des ersten Romans von Volker Kutscher Der nasse Fisch. Inzwischen liegen sechs Romane bei Kiepenheuer & Witsch vor – zuletzt Lunapark – , drei weitere sind geplant. Sie werden dann den historisch brisanten Zeitraum 1929 bis 1936 in Deutschland umfassen, vom Aufkommen des Nationalsozialismus über den Untergang der Weimarer Republik bis zu den Olympischen Spielen 1936 in Berlin und den Kriegsvorbereitungen der Nazi-Diktatur. Kutscher nutzt brillant den Kriminalroman, um gesellschaftliche Veränderungen mit historischer Tiefenschärfe darzustellen. Dazu hat Kutscher ein breites Figurenensemble um seinen Kriminalkommissar Gereon Rath entwickelt, zudem auch viele historisch verbürgte Figuren gehören wie Raths Vorgesetzter Ernst Gennat.

Zeitgleich zum Serienstart legt Kutscher nun ein weiteres Werk aus seinem Gereon-Rath-Kosmos vor: die von Kat Menschik in ihrer besonderen Grafikreihe glänzend illustrierte Erzählung Moabit.  Sie spielt vor der Romanhandlung im Jahr 1927 und beschreibt die Entwicklung von Charlotte Ritter, der späteren Ehefrau von Gereon Rath, von der etwas naiven, wenngleich hellwachen Abiturientin zur angehenden Jurastudentin, die sich ihr Studium als Stenotypistin im Polizeipräsidium verdient. Aus „Lotte“ wird im Verlauf der Handlung „Charly“. Diesen neuen Spitznamen erhält sie von ihrer neuen Freundin Greta, die auch in den Romanen wieder auftaucht und mit der Charlotte Ritter die Nächte durchtanzt. Das einschneidende Erlebnis ist der Tod von Charlottes Vater, der als Oberaufseher im Zellengefängnis Moabit arbeitet und schließlich bei einer Gasexplosion ums Leben kommt. Dass diese kein Unfall, sondern ein Mordanschlag war, hinter dem der geheimnisvolle, aufstrebende Unterweltkönig Johann Marlow, auch bekannt als „Doktor Marbuse“, steckt, ahnt Charly Ritter noch nicht. Man darf gespannt sein, wann dieses Ereignis in den Romanen wieder aufgegriffen wird.

Kutscher hat mit Moabit jedenfalls eindrucksvoll gezeigt, dass er neben voluminösen Romanen, auch geschickt geplottete, multiperspektivische Erzählungen schreiben kann. Für alle Serienschauer sei angemerkt, dass diese sorgsam konstruierte Biografie der Protagonistin Charlotte Ritter von den Drehbuchschreibern um Tom Tykwer bereits über den Haufen geworfen wurde. Während Charly sich in der Romanwelt aus einem kleinbürgerlichen Milieu zur Jurastudentin emporarbeitet, verkörpert sie in der Serie eine Figur aus der Arbeiterklasse, die sich als Stenotypistin und bei ihren nächtlichen Eskapaden gelegentlich auch als Prostituierte verdingt. Schauen wir mal, wie sich diese unterschiedlich angelegten Erzählstränge in den nächsten Jahren weiterentwickeln. Darauf eine Overstolz!

WERBUNG: Volker Kutscher: Moabit. Illustriert von Kat Menschik. Verlag Galiani, Berlin 2017. 88 Seiten, gebunden. 18,- €

Der Arche Literatur Kalender 2018 strahlt Ruhe und Bewegung aus

Der Sommer verabschiedet sich langsam. Gleichwohl mag man noch nicht an das Jahresende denken. Doch die allermeisten Kalender für das kommende Jahr sind bereits gedruckt. Es gibt kaum einen thematischen Bereich, für den es keinen speziellen Kalender gibt. Neben unkäuflichen Varainten wie dem bekannten Pirelli-Kalender, werden die üblichen Abreißkalender, Tages-, Wochen- und Monatskalender angeboten, außerdem natürlich Lehrerkalender, Bauernkalender sowie unfassbar viele Katzenkalender und und und. Mich interessieren natürlich Literaturkalender. Im letzten Jahr habe ich den vorzüglichen Arche Kinder Kalender empfohlen. In diesem Jahr möchte ich den Arche Literatur Kalender 2018 vorstellen. Es ist ein vierfarbig  gedruckter Wandkalender, der jede Woche einen Autor, der in der jeweiligen Woche geboren oder gestorben ist, mit einem Textauszug und einem Foto vorstellt. Die Auswahl ist international und deckt in einer ansprechenden Mischung ein breites Literaturspektrum von der Frühromantik bis zur Postmoderne ab, wobei der Schwerpunkt auf dem 20. Jahrhundert liegt. Einen besonderen Reiz macht die abwechslungsreiche Abfolge aus, die immer wieder überraschende Bezüge herstellt. So folgt auf Kurt Tucholsky Susan Sontag und auf diese wiederum Derek Walcott, Lars Gustafsson steht vor Simone de Beauvoir und so geht es weiter. Allerdings wäre es schön gewesen, wenn auch einige noch lebende Schriftsteller in die Auswahl mit einbezogen worden wären und nicht nur tote.

Sehr überzeugend wirkt die Bildzusammenstellung, bei der darauf geachtet wurde, nicht die gängigen Autorenfotos zu verwenden. Sie stehen zudem alle in einem thematischen Zusammenhang, denn die Arche Literatur Kalender stehen in jedem Jahr unter einem speziellen Motto. Darin unterscheidet sich der vorliegende Kalender auch vom ähnlich gestalteten Literaturkalender des Aufbau Verlages. 2018 heißt das Themenmotto „Ruhe & Bewegung“. Es ist erstaunlich, wie gut es dem Arche Kalender Verlag gelingt, die 53 Autorinnen und Autoren unter diesem thematischen Bogen zu vereinen. In fast allen Fällen sind passendes Bildmaterial und korrespondierende Textauszüge gefunden worden, die teilweise sogar einen neuen Blick auf die Verfasser werfen lassen. Das Titelblatt beispielsweise zeigt Vladimir Nabokov mit Tennisschlägern und seiner Braut Anfang 1920 in Berlin. Im Juni äußert und zeigt sich Henry Miller zum Radfahren, während es Kurt Tucholsky lieber gemütlich angeht und seine Liebe zur Entspannung an der Côte d`Azur in der zweiten Januarwoche formuliert.

Ausführliche biographische Angaben sowie sorgfältige Quellenangaben zum Text- und Bildmaterial ergänzen diesen inspirierenden Kalender. Für mich ist er ein Grund, sich auf das Jahr 2018 zu freuen.

WERBUNG: Arche Literatur Kalender 2018. Arche Kalender Verlag, Zürich-Hamburg 2017. 60 Blätter, 54 Fotos, farbig. 22,- €

Die Pfaueninsel in der Havel bei Potsdam – eine literarische Spurensuche

Wer den großartigen Roman „Pfaueninsel“ von Thomas Hettche gelesen hat, der entwickelt Sehnsucht danach, diesen verwunschenen Ort aufzusuchen. Jedenfalls ging es mir so. In diesem Frühjahr hatte ich nun endlich die Gelegenheit, diesem Wunsch nachzukommen.

Der im Jahr 2014 erschienene Roman von Thomas Hettche spielt zwischen 1820 und 1880 auf der Berliner Pfaueninsel und basiert auf wahren Gegebenheiten. Zentrale Figur ist die kleinwüchsige Maria Dorothea Strakon, die als Königliches Schloßfräulein diese winzige Insel, die man innerhalb einer Stunde umrunden kann, durchgängig bewohnte. Die meisten Gebäude aus der damaligen Zeit – mit Ausnahme des Palmenhauses, das 1880 abbrannte – existieren noch heute, haben all die Kriegswirren und politischen Veränderungen überdauert.

Wolf Jobst Siedler schrieb vor fünfundzwanzig Jahren auch ein schmales Buch über die Pfaueninsel. Es trägt den Untertitel „Spaziergänge in Preußens Arkadien“. Wenn man die Fotos betrachtet, wird man ihn vermutlich gut nachvollziehen können.

Wenn man mit der kleinen Fähre übersetzt, scheint man in einer anderen Zeit anzukommen …

Mirko Bonné findet Spuren des kleinen Prinzen in der Nordsahara

CoverWiderspenstigkeit_WebsiteWer kennt dieses Buch nicht? Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry zählt in ganz Europa zum Kulturgut und ist darüber hinaus eines der meist verkauften Bücher der Welt. Diese märchenhafte Geschichte ist kurz und daher schnell zu lesen. Sie enthält einfache philosophische Aussagen, die bei entsprechender Gelegenheit hartnäckig immer wieder in unser Gedächtnis zurückkehren. „Man sieht nur mit dem Herzen gut“, ist eine solche. Geschenk für die Liebste, Schullektüre und Zitatensammlung für Gottesdienste, dieses schmale Buch, das Saint-Exupéry noch selbst so eingängig illustriert hat, ist alles zugleich. Seit über siebzig Jahren geistert der kleine Prinz durch die Buchhandlungen und begeistert vor allem jüngere Leser. Selbst die unsägliche Verfilmung zu einer Fernsehserie, die außer den Personen nichts mit dem Zauber des Buches gemein hat, konnte dem Erfolg und dem Renommee dieses Buches nichts anhaben. In Düsseldorf existiert ein kleiner Verlag nur von der deutschsprachigen Ausgabe dieses Titels, der Karl Rauch Verlag. Er publiziert fast nichts außer den Werken von Saint-Exupéry, in immer neuen Varianten bis hin zu Merchandisingartikeln. Doch nachdem der Autor bekanntlich 1944 von einem Deutschen über dem Mittelmeer in seinem Aufklärungsflugzeug abgeschossen wurde, endete 2014 der Schutz der Urheberrechte. Lediglich die ursprüngliche Übersetzung ist weiter geschützt. Grund genug für den Karl Rauch Verlag, sich neues Terrain zu erschließen.
Mit Mirko Bonné konnte ein renommierter deutscher Schriftsteller (z. B. Wie wir verschwinden, 2009) für eine Zusammenarbeit gewonnen werden, deren Ergebnis nun vorliegt. Herausgekommen ist ein wunderschön aufgemachtes Buch, wie ich es selten in der Hand gehabt habe. Ein gebundener Band mit strukturiertem Umschlagpapier, zweifarbig gedruckt (schwarz und sandgelb), illustriert mit künstlerischen Schwarzweißfotos und aufgelockert mit Vignetten, dazu ein entsprechend farbiges Lesebändchen. Hinzu kommen ein sehr ansprechendes Layout und hervorragendes, festes, glatt gestrichenes Papier. Für Bücherliebhaber ist dieses Buch wirklich ein Genuss und sogar preiswert. Aber auch der Inhalt kann sich sehen lassen, obwohl das Vorhaben gewagt ist. Bonné begibt sich auf die Spuren von Saint-Exupéry. Tatsächlich findet sein Ich-Erzähler – wenn auch nur in der fiktiven Erzählung – das Flugzeug, mit dem Saint-Exupéry gemeinsam mit seinem Mechaniker André Prévot 1935 in der Nordsahara abstürzte, bevor die beiden nach einem fünftägigen Marsch durch die Wüste von Beduinen gerettet wurden. Dieses Erlebnis bildete Jahre später die Grundlage für die Geschichte um den kleinen Prinzen. Auch Mirko Bonné verwebt nun reale mit surrealen Schilderungen. Märchenhaft wird seine Erzählung dadurch, dass er einem sprechenden Wüstenfuchs begegnet, der als Nachkommen des damaligen Fuchses nach Spuren des kleinen Prinzen sucht. Zwischen diesen beiden entwickeln sich ähnlich philosophisch angereicherte Gespräche, insbesondere über die Widerspenstigkeit, wie in Der kleine Prinz. Das hätte ganz schnell kitschig oder epigonal wirken können, doch Mirko Bonné, dem hier auch seine Begabung als Lyriker zu Gute kommt, umschifft diese großen Untiefen mit erstaunlicher Geschicklichkeit. So legt der Karl Rauch Verlag eine lesenswerte Erzählung über die Wüste und das Leben vor, die der Nachdenklichkeit und der Gelassenheit in den Werken von Antoine de Saint-Exupéry durchaus gerecht wird.

WERBUNG:  Mirko Bonné: Die Widerspenstigkeit. Ein Märchen. Karl Rauch Verlag, Düsseldorf 2017. 128 Seiten, gebunden. 18,- €